SatHS S2/B1: Mardi Gras & Jägerball (ToS 1)

TALES OF SNOWCAT (1)

PERIOD6: Traveler

ERA6: White and Pastel

DATE1: 1. März - 6.Mai 2076

BROADCAST6: Auszüge der Mardi-Gras-Feier und der Parade in New Orleans sowie die Ankunft auf dem roten Teppich auf Cis Castle und ein Fotoalbum vom Jägerball wurden Inhabern eines SatHS-Passes als Bonusmaterial zur zweiten Staffel ab dem 02.05.2076 im Stream zur Verfügung gestellt.

APPEARANCE2: AveRage, Bloody Guts, Bubbles, Charles Iron Horse, Eden, Fang, Foggy, Leatherface, Liam, Mash, Mr. Tea, Moxi, Red Velvet, Rubber Duck, Shark Finn, Sinister, Snowcat, Thunderstrike; 

SPECIAL APPERANCE7 u.a.: Bull, Damian Knight, Ehran the Scribe, Harlequin, Fianchetto, SpArcade, Thorn;  

WARNING: Diese Trideo-Serie ist für Zuschauer unter 17 Jahren nicht geeignet. Sexualität, Gewalt, Magie, Tod, Kraftausdrücke und Drogenkonsum können vorkommen. Mitglieder der Howling Shadows sind in Waffen- und Magiegebrauch ausgebildet und sind sich über die tödliche Gefahr bewusst, mit der sie es während des Drehs zu tun haben. Zuschauer werden gebeten, diese Dinge nicht nachzumachen, es sei denn, es wird in einem Nachspann-Clip ausdrücklich erlaubt. Ferner ist absolut davon abzuraten, sich auf eigene Faust mit den gezeigten oder ähnlichen Magischen Gefahren, Geistern und/oder Crittern anzulegen.

Anmerkungen:

1. Der Zeitstempel wird an unsere Zeitlinie angepasst und ist maximal an die offizielle Timeline angelehnt.

2. Die Episode wurde am 18.08., 26.08. und 01.09.2017 erspielt. Neben dem GM und mir waren am 18.08. der Spieler von Fang/Sinister, am 28.08. der Spieler von AveRage/Leatherface/Red Velvet und am 01.09. die Spieler von Fang/Sinister und Eden/Mr. Tea dabei. Wegen den Widrigkeiten und Schönheiten des RL können nur selten alle Spieler am Spielabend teilnehmen. Deshalb können Charaktere ohne weitere Erklärung auftauchen oder verschwinden. Darüber, welche Charaktere mit auf einen Run gehen, entscheiden die Spieler nach eigenem Gefallen. Das muss nicht immer die logistische Entscheidung sein. Manchmal ist ein Charakter mit auf einem Run, obwohl sein Spieler abwesend ist. In diesen Fällen wird der Charakter zwar mitgeführt, sein Handeln gerät, wenn möglich, aber in den Hintergrund. Der Spotlight soll auf Charakteren stehen, deren Spieler anwesend sind. Gegebenenfalls hinterlassen Spieler beim GM Regieanweisungen.

Eine Beschreibung aller Charaktere und Marks findest du hier [LINK].

Eine Übersicht von Cast und Crew von SatHS findest Du hier [LINK].

3. Die verlinkten Songs sollen lediglich zu Stimmung beitragen und enthalten keine versteckten Hinweise. Jedenfalls meistens nicht :). Übrigens kaufen wir jeden in den Episoden verwendeten Song, sollte er sich nicht schon vorher in unserem Besitz befunden haben. Nicht nur, damit wir die Songs jeder Zeit auf all unseren Geräten abspielen können, sondern auch, weil wir damit den jeweiligen Künstler unterstützen möchten. Eine Liste mit dem kompletten SatHS-Soundtrack findest du hier. [LINK].

4.Die Truppe, mit der Captain America (Marvel) im zweiten Weltkrieg gegen Hydra ins Feld zieht, heißt „Captain America and the Howling Commandos". Daran angelehnt entstammt die Titelidee eigentlich. Abgesehen davon ist „Howling Shadows“ der Titel des aktuellen Shadowrun® -Critter Quellenbuchs von Catalyst. Wir fanden die Doppeldeutigkeit gerade bei der Zusammensetzung des Teams passend. 

5. Eine Übersicht des Steampunk- Journals findest Du hier [LINK].

6. Bei den ‚Tales of Snowcat’ erzählt Snowcat einem imaginären Zuschauer die Ereignisse aus ihrer ganz persönlichen Sicht. ‚Period' beschreibt dabei den Pfad (Lebensabschnitt, angelehnt an den Path of the Wheel), auf dem sich Snowcat befindet. ‚Era' beschreibt das Farbthema, unter das Snowcat in dieser Zeit den Inhalt ihres Kleiderschranks gestellt hat. ‚Broadcast‘ fasst zusammen, was von dem per Drohne gedrehten Material dem Trideo-Zuschauer der Serie Snowcat and the Howling Shadows zur Verfügung gestellt wird und ab wann es gestreamt wird.

7. Einige der Namen, die in der Geschichte auftauchen, sind auch in der offiziellen Shadowrun-Welt ein Begriff. Ähnlichkeiten sind beabsichtigt. Allerdings kann das hier dargestellte Bild auch deutlich von dem Bild im SR-Kanon abweichen, da es unserer Spielwelt angepasst wurde.

8. Bei Katze handelt es sich um ein „Wesen“, das andere außer Snowcat weder hören noch sehen können. Snowcat unterhält sich gedanklich ständig mit Katze, auch parallel zu anderen Gesprächen. Ob es sich bei Katze um ein Hirngespinst, den Mentor-Spirit Katze oder irgendetwas anderes handelt, ist bisher nicht geklärt.

9. Teilweise stehen Dialoge in diesen « » Textzeichen. Die gesprochenen Worte werden dann vornehmlich via Teamnetzwerk oder Commlink verbreitet und sind für Wesen, die keine Mitglieder im Teamnetzwerk sind, nicht oder nur schwer zu hören. Ferner stehen in < > schriftliche Nachrichten und in ‹ › stehen Dialoge via Geistesverbindung, wie die mit Katze, einem Geist unter Kontrolle oder Dragonspeech.

10. „AveRage“ hat seine Drohnen-Kamera-Einheiten, die je aus drei CU^3 bestehen, nach berühmten Kameramännern benannt.

11. Ich habe mich in dieser kurzen Erklärung zwar an historischen Fakten gehalten, dass Renoir Tarotkarten gemalt hat, ist jedoch frei erfunden.

12. Snowcat sieht die Geister, die einen Element zugeordnet sind, als klassische Elementwesen:  Luftgeister sind Sylphen, Erdgeister Gnome (früher Brownies), Feuergeister Salamander und Wassergeister sind Undinen. Jeder Geist, den sie beschwört, erhält/hat für sie zudem einen eigenen Namen. Guidance Spirits sieht Snowcat als weise Paten, die sie als Godfather und Godmother betitelt. 

13. Via twitter: „Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen, Königinnen ziehen ihr Schwert!“ (danke @darksun666)

14. Snowcat bezeichnet ihre Schmuckschatulle mit wirklich teurem Schmuck liebevoll als ihren kleinen Hort.

POSTED BY SNOWCAT

[Song 1: Big Head Todd & The Monsters - Boom Boom3] New Orleans - ein Traum von einer Stadt!

Magie, French Quarter, Jazzmusik, Brassbands, Cajun Food, Häuser im Kolonialstil, Mississippi - und natürlich Voodoo. 

Ich hatte mich bereits in New Orleans verliebt, als ich vor wenigen Jahren mit Mystère und Doc zu einem Kurztrip dort gewesen war. 

Mardi Gras 2076 hier zu verbringen, war wirklich eine ganz hervorragende Idee von Thunderstrike gewesen. 

Die Stadt hatte das mit dem aus dem Katholischen stammenden Karneval gemacht, was sie immer zu tun pflegte: Sie hatte all dem ihr eigenes Flair verliehen. 

„In den Tagen vor Aschermittwoch feiert und bebt die gesamte Stadt!“, hatte Mystère einst zu mir gesagt, und ich hatte ihm ohne zu zögern geglaubt.

Die Stadt hatte sich herausgeputzt. 

Wimpel, Fahnen, Tücher und nicht zuletzt ein Meer aus unzähligen Perlenketten in den typischen Mardi-Gras-Farben gold, lila und grün erwarteten uns. 

Sonne und Wind streichelten mein Gesicht, als ich die Maschine von Blue Sky verließ. Die Brise trug etwas von dem exotischen Duft des Sprawls zu uns herüber. 

Die Stadt am Mississippi ist wild, exotisch, ungebändigt, geheimnisvoll und in jedem Fall etwas ganz besonderes. 

All das schwang bereits in dieser Brise mit.

Mein heutiges Outfit war extravagant wie die Stadt selbst. Ich trug eine weiße Bluse im Rokoko-Stil, einen Rock aus hauchdünner, weißer Seide, einen bestickten Mantel [BILD & BILD] und Highheel-Boots in puderrosa.

New Orleans und ich, wir passten zusammen.

‹Dabei bist du nicht einmal eine Voodoopriesterin, Drachenkätzchen›, kommentierte Katze8 und tänzelte ausgelassen zwischen den Beinen meiner vielen Begleiter hindurch, ohne von jemanden getreten zu werden.

Vier Humvees des Free Marine Corps standen am Hangar bereit, um uns zu unserem Quartier zu bringen. Es benötigte eben mehr als einen Wagen, um die Howling Shadows zu transportieren. 

Uns erwartete ein Quartier der ganz besonderen Art. Wir würden die Ehre haben, auf einem Schlachtschiff des Free Marine Corps unterzukommen, das im Hafen vor New Orleans lag.

Als man mir die Tür des zweiten Wagens in der Reihe öffnete, war es Katze, die zuerst hineinsprang.

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Wenig später schritt ich über eine Gangway von der Pier auf das Schiff. Der Wind trug den Klang von Jazz aus dem French Quarter zu uns herüber. Ein adretter junger menschlicher Mann in Uniform half mir an Bord. Der kommandierende Offizier begrüßte uns persönlich, was einen Moment lang dauerte, denn wir waren ja viele.

Die Trideoserie SatHS hatte sich in den letzten Monaten zu einem gewaltigen Projekt entwickelt. Da Crew und Cast vollständig anwesend waren - nur Bubbles war auf dem Compound geblieben, dafür begleitete uns Liam - umfasste unser Tross 20 Personen. Selbstverständlich würden wir bei der Gelegenheit drehen, und so hatten wir neben unserem privaten Gepäck auch noch Equipment dabei. Platzprobleme gab es dennoch nicht, denn unser Quartier befand sich auf einem richtigen Schlachtschiff und das war darauf ausgelegt, mehrere tausend Metamenschen für Wochen zu versorgen. 

Gleich mit der Begrüßung erhielten wir eine Einladung. Commodore Asher bat uns zum festlichen Diner, mit dem Hinweis für Thunderstrike, dass eine Galauniform erwünscht sei.

Ich klatschte innerlich in die Hände, Galauniform bedeutete für mich übersetzt: Ich würde ein Abendkleid tragen können. Wie gut, dass Moxi für mich vorsorglich das entzückende, figurbetonte, perlenbestickte, blütenbesetzte, rosa-weiß-gelbe Kleid eingepackt hatte [BILD].

❄️

Die Offiziersmesse war festlich eingedeckt worden. Jedes am Diner teilnehmende Mitglied des FMC hatte sich tatsächlich in seine Galauniform geworfen, auch Thunderstrike. Unsere anderen Special-Forces-Soldaten waren nicht darauf eingestellt gewesen, ihre Ausgehuniform zu brauchen. Wenn sie so etwas denn überhaupt besaßen. Ich ging zwar sicher davon aus, dass jedes Militär dieser Welt seine eigene Art von Galauniform hatte, doch das bedeutete noch lange nicht, dass jeder, der diesem Militär angehörte, auch eine solche Uniform besaß. Special-Forces-Soldaten waren eben … special. Auch in ihrem Benehmen mir gegenüber. Iron Horse zum Beispiel wäre nie von alleine auf die Idee gekommen, vorauszugehen, um mir die Tür aufzuhalten. Er würde nie wagen, einer Frau zu unterstellen, sie könne nicht alleine die Tür öffnen. Gleichberechtigung wurde bei ihm groß geschrieben. Zum Glück war der attraktive Native American lernfähig und hatte verstanden, dass ich es außerhalb eines Runs oder Kampfeinsatzes bevorzugte, wie eine Frau von vor 100 oder gar 200 Jahren behandelt zu werden. 

Commodore Asher war hingegen ganz von allein ein Kavalier der alten Schule. Er half mir von sich aus in den Stuhl. 

‹Ich denke, dein Auftreten könnte ihm ein Hinweis gewesen sein, Drachenkätzchen. Doch erzähle nicht die ganze Zeit davon, wie zuvorkommend ein Mann dir gegenüber war, wo das doch selbstverständlich ist. Berichte lieber von dem leckeren Essen.›

‹Sehr gern, Katze.›

Die Kombüse hatte sich richtig ins Zeug gelegt. Der Hummer zum Beispiel zerging förmlich auf der Zunge. Und dann all die verschiedenen Gewürze, die in der Kombination den Pfiff ausmachten. Pfeffer, Chili und Zimt tanzten auf dem Gaumen. 

So verbrachten wir einen angenehmen Abend bei Wein, guter kreolischer Küche und netten Gesprächen. Auf ähnliche Weise hätten die Ladys und Gentlemen sicher auch vor 200 Jahren einen Abend verbringen können. Mit dem Unterschied, dass die heute anwesenden Damen gleichberechtigte Gesprächspartner waren, sich vor Whisky und Zigarre nicht zurückziehen mussten und deutlich höhere Schuhe trugen. Von verschiedenen Hautfarben oder Rassen rede ich jetzt selbstverständlich gar nicht erst.

Im Anschluss an das festliche Mal überreichte mir Commodore Asher noch eine ganz besondere Einladung. Die Karte war aus echtem, schwerem Papier und der Text war in blutroten Lettern aufgedruckt. 

Im Gedenken an Mystère 

laden wir 

die schöne Snowcat und ihr Gefolge 

zur Mardi-Gras-Party der 

Cracking the Bone

„Die Party beginnt morgen Abend um einundzwanzig hundert“, fügte der Commodore hinzu. „Das Free Marine Corps wird Sie chauffieren und sorgt für freies Geleit!“

Das waren doch ganz hervorragende Aussichten!

❄️

Moxi kam noch in meine Kabine, um die Planung für die nächsten Tage mit mir durchzugehen. Selbstverständlich hätten wir das via Commlink besprechen können, aber wir saßen so gerne auf einem Bett beisammen um zu plaudern, dass wir die persönliche Variante auch diesmal bevorzugten. Abgesehen davon hatte Moxi sicher ihren Spaß daran, im Negligé über den Gang zu laufen. 

„Deine Kabine ist zwar deutlich größer als alle anderen, die man uns zu Verfügung gestellt hat, und dein Bett ist weicher, aber auch hier lässt die Deko zu wünschen übrig!“, stellte meine Freundin fest, während sie via AR Einladungen neu sortierte.

Ich lachte perlend: „Kein Wunder. Das hier ist immer noch ein Kriegsschiff. Da legt man auf Dekoration nicht sonderlich viel Wert.“ 

„Was aber ein Fehler ist. Wenigstens via AR könnten sie da doch was machen. - Na egal, ich dachte mir das so, morgen machen wir New Orleans unsicher und testen die Geschäfte hier. Abend und Nacht habe ich komplett für die Party der ‚Cracking the Bone‘ freigehalten. Zum Glück ist sie morgen und nicht übermorgen, direkt am Mardi Gras. So können wir nämlich Dienstag all die anderen Partys besuchen und gleich ein bisschen Promotion für Staffel zwei betreiben.“ Sie schob mir via AR eine Liste zu. „Ich hab die gut fünfzig Einladungen …“

Ich hob eine meine wohlgeschwungenen, zarten Augenbrauen, hatte sie gerade tatsächlich von fünfzig Einladungen gesprochen?

„ … auf zehn relevante Partys reduziert und eine Reihenfolge und einen Zeitplan erstellt. Wir starten übermorgen auch erst um 4 Uhr nachmittags, das gibt uns genügend Zeit für unseren Schönheitsschlaf. Wenn wir auf der ersten Party bis 6 Uhr bleiben, können wir mit dem Mardi-Gras-Umzug zur nächsten Party ziehen und uns da vom Balkon den Rest des Umzugs ansehen. Danach schauen wir, wie viele Partys wir schaffen.“ Moxi strahlte mich im Anschluss an. „Gut soweit?“ 

Ich strahlte zurück. „Fantastisch, wie immer. Was wäre ich nur ohne dich?“

Moxi lachte. „Immer noch genauso umwerfend, aber vielleicht nicht so gut angezogen. Ich habe heute ein bisschen rumtelefoniert…“

'Ein bisschen' war gut. Ich wusste, dass sie am Nachmittag über zwei Stunden am Commlink gehangen hatte.

„ …und tatsächlich jemanden gefunden, der uns bis morgen aus einer Korsage und Federn das Mardi-Gras-Outfit in den Farben zaubert, die du haben möchtest. Sie nutzen absolut authentisches Material. Die passenden Perlenketten gibt es auch. Du wirst also total ‚New Orleans‘ sein.“

❄️❄️

Das Geschäft hatte sein Versprechen gehalten und pünktlich geliefert. Ich sah in der hellen, rüschenbesetzten Korsage, dem Rock aus Federn in Pastellfarben [BILD & BILD], Strumpfhaltern, Strümpfen und einer Maske mit Kirschblüten einfach umwerfend aus. Moxi hatte sich beim Make-up und Haar selbst übertroffen uns so war ich wieder einmal zufrieden mit mir selbst als Gesamtkunstwerk.

Der SatHS-Tross wurde erneut in sage und schreibe vier Humvees transportiert und stilvoll direkt ins French Quarter gefahren. Wir hielten vor einem der wundervollen Häuser im Kolonialstil. Säulen, ein Innenhof, hohe Fenster und einer der berühmten Balkone in der ersten Etage, von denen man so wunderbar auf die Straße hinabblicken konnte. 

[Song 2: The Heavy - And When I Die3] Bei ‚Cracking the Bone‘ handelt es sich genau genommen um eine magische Geheimgesellschaft, die hauptsächlich aus Voodoopriestern und -priesterinnen besteht. Mystère ist dort Mitglied gewesen. Obwohl 'Geheimgesellschaft' eigentlich nicht der richtige Ausdruck ist. Die Houngans, so nennt man die, die Voodoo praktizieren, treffen sich in kleinen Gruppen, wenn es um Magie geht. Sie sind wahre Experten zum Thema Geister und Astralebene, umgeben sich stets mit mystischem Flair und geben ihr Wissen nur selten an Außenstehende preis. Zusammenkünfte, bei denen es nicht nur um magische Themen geht, und bei denen all die vielen Voodoo-Groupies - und davon gibt es gerade in New Orleans wirklich jede Menge - dabei sind, ähneln mehr ausschweifenden Partys. Zum Mardi Gras feiern ‚Cracking the Bone‘ übrigens eine der angesagtesten Partys von New Orleans. Es ist eine Ehre, dort eingeladen zu sein. Viele träumen sogar davon, einmal Gäste bei der ‚Cracking the Bone‘- Party zu sein. Uns wurde diese Ehre nun zuteil.

Die Luft war schwer von Rum, Champagner, teuren Parfum, Austern, allerlei Pasteten und jeder Menge Pheromonen, die von einer hohen Paarungsbereitschaft zeugten, wie mein feines Näschen mir mitteilte. Kein Wunder bei all der nackten Haut, den trainierten Körpern und geheimnisvollen Masken, die hier zur Schau gestellt wurden. Ich fuhr mir kurz mit meiner Zunge über die Oberlippe. Hier war das eine oder andere attraktive Exemplar dabei. Hinzu kam der Südstaaten-Charme und dieser verführerische Akzent.

‹Na dann viel Spaß, Drachenkätzchen!›, meinte Katze tief schnurrend und trottete sofort in Richtung Buffet davon.  

❄️

Ich wusste, dass man die erste Staffel Snowcat and the Howling Shadows auch hier in New Orleans gesehen hatte. Dennoch hätte ich nie damit gerechnet, dass wir hier wie Stars empfangen wurden, jede Menge Fans anwesend und wir eindeutig die Ehrengäste waren. 

Der Gastgeber, ein attraktiver, hochgewachsener Mensch mit Haut von der Farbe von Kakaopulver, begrüßte mich mit dreifachem Wangenkuss und erwehrte sich mit einer gehobenen Hand derer, die mir vorgestellt werden wollten. 

Mit einem Glas Champagner in der Hand wurde ich in den Innenhof geleitet. Schnell stellte sich heraus, dass jeder Howling Shadow hier so seine eigenen Fans hatte. Schon bald scharte sich um jeden von uns ein Grüppchen. Sogar um Fierce, von deren Teilnahme bei unserer Show noch niemand etwas wusste. 

Die Luft war leicht warm und angenehm. Überall waren kleine Lampen angebracht, die die Szenerie in ein schönes Licht tauchten. Jazzmusik erklang. Genau so mussten Partys sein!

Irgendwann bemerkte ich aus dem Augenwinkel heraus einen schlanken Baron Samedi, im klassischem schwarzen Frack, schwarzer Hose, Stiefeln und Zylinder. Sein Gesichts war wie ein Totenschädel geschminkt. Er trat von hinten dicht an mich heran und reichte mir ein weiteres Glas Champagner. Mit schwerem französischen Akzent flüsterte er in mein Ohr: „Schönheit, Anmut und Grazie vereint. Haut so weiß wie pasteurisierte Milch. Augen so blau und klar wie ein Bergsee im Winter. New Orleans hat seine Königin gefunden.“

Es kribbelte in meinem Unterleib, und ich lächelte. Ohne mich umzudrehen erwiderte ich: „Wie schön, dass Ihr den Weg hierher gefunden habt, MyKnight.“ Dann trat ich noch ein wenig zurück, bis unsere Körper sich berührten. 

Nun war es hier einfach perfekt.

Hatte ich schon gesagt, dass ich New Orleans liebe?

Fierce kam zu mir rüber. „Krass, wie viele SatHS-Fans hier sind. Für mich ist’s ungewohnt, dass die so viele private Fragen an mich stellen, aber…“ Fierce hielt plötzlich inne und starrte 'Baron Samedi' hinter mir einen Moment lang skeptisch an. Dann lachte sie und buffte ihn fest gegen die Schulter. „Ey, Mann! Krass cool, du bist ja auch hier!“ 

❄️

Im Laufe der Nacht hatte sich irgendwie herumgesprochen, dass und wo die Howling Shadows in New Orleans waren. Unglaublicherweise begannen sich Fans vor dem Haus zu versammeln, Ausschau nach uns zu halten und nach uns zu rufen. 

„Wir sollten uns auf dem Balkon zeigen!“, meinte Foggy dazu. 

Fang griente zu Rubber Duck rüber: „Komm, wir kündigen die Ladys einzeln an“, schlug er vor.

Also traten die beiden hinaus auf den Balkon.

Augenblicklich begannen unten gut drei Dutzend Metamenschen zu jubeln. 

„Wollt ihr …“ Fang hielt kurz inne, denn überraschenderweise flutete seine Stimme irgendwie die ganze Straße und man konnte ihn im Umkreis von zwei Häuserblocks hören. Fang fing sich schnell, „…dass Rubber Duck eine Rede hält?“, fragte er jungenhaft grinsend. 

„Rubber Duck, Rubber Duck, Rubber Duck!“, zelebrierte die Menge.  

Bevor Rubber Duck vortrat, raunte Moxi ihm zu: „Genieße es, solange die Staffel noch nicht ausgestrahlt ist.“ 

Unser Rigger verzog kurz das Gesicht, setzte dann ein tolles Lächeln auf, brachte die größer werdende Menge zur Ruhe und erklärte: „Ihr wollt mich gar nicht reden hören, ihr wollt bestimmt viel lieber unsere schönen Ladys sehen!“

Da Moxi so dicht in seiner Nähe stand, begann er damit, sie zu beschreiben. Die Menge hatte schnell erraten, wer mit unwiderstehlich und sexy gemeint war. Auch Rubber Ducks Stimme hatte weit getragen. Kurz bevor Moxi auf den Balkon trat, erschien über dem Haus eine überlebensgroße 3D-Animation von ihr, wie ich auf dem Feed der Drohne sehen konnte, die AveRage spontan nach draußen geflogen hatte. Einen passenden Schriftzug mit ihrem Namen gab es außerdem. 

Foggy wusste auch nicht, wer dafür verantwortlich war, aber er freute sich tierisch. Ich hatte so eine Ahnung, wer das mal eben gezaubert hatte und lächelte meinen Baron Samedi über mein Champagnerglas hinweg an. 

„Haben wir zufällig schon Taschentücher mit Promo-Code-TAGs dabei?“, fragte ich unseren Anwalt. 

Foggy nickte. „Ja. Zwar leider nur wenige, aber ich hole sie schnell.“

❄️

Als ich den Balkon als letzte unserer Ladys betrat, hatte sich bereits die gesamte Straße mit Metamenschen gefüllt. Es mussten schon mehr als hundert sein. Ballhaus 1-310 wuselten um mich herum, und auch die anderen Kamera-Squads waren ausgeflogen und filmten die Menge oder die Szenerie von außen. 

Die Energie der Metamenschen beflügelte mich, der Jubel katapultierte mich in weitere emotionale Höhen. Ich bekam ein Gefühl dafür, wie es Rockstars ergehen musste. 

Als Shark Finn sich durch den Türrahmen duckte, um in meine greifbare Nähe zu kommen, knarzte das Gestänge unter seinem Gewicht. Doch man hatte ihm versichert, dass der Balkon das Gewicht von Trollen tragen konnte. 

Ich hob die Hand. Bis auf einige einzelne, johlende Pfiffe wurde die Menge still.

Ich hielt eine kurze Ansprache, beschwor nebenbei die kleine Sylphe Tinkerbell, zog dann Taschentücher aus den Federn meines Kleides und warf sie in die Menge. Tinkerbell nutzte die Luft und verteilte die Taschentücher spielerisch. So kamen auch Fans in den hinteren Reihen an ein Promo-Tuch. 

Über soziale Netzwerke wie Cele-Watch hatte sich die Information unserer Anwesenheit in der Stadt weiter verbreitet.

Sie wollten uns sehen und wir lieferten.

Nach und nach kamen alle Howling Shadows auf den Balkon. Sogar Sapper aka Liam und natürlich Fierce.

Fang forderte unsere Fans zum Ahooh-Heulen auf. 

Angenehme Gänsehaut bildete sich auf meinen baren Schultern. Es war unglaublich, das Heulen aus so vielen Kehlen zu vernehmen. Ja, angenehm, aber irgendwie auch gruselig.

Als wir begannen, uns wieder nach drinnen zu verziehen, schob sich ‚Baron Samedi' ebenfalls auf den Balkon und stellte sich direkt neben Fierce. In jeder Hand hielt er eine Flasche Champagner. Nachdem er die Aufmerksamkeit der Metamenschen auf der Straße hatte, schlug er die Flaschenhälse gekonnt am Geländer ab und übergab eine der Flaschen an Fierce. Dann sprang er auf das Geländer, balancierte kurz und stellte sich schließlich mit dem Rücken zur Straße auf. Das Publikum applaudierte, auch wenn es nicht wusste, wer das dort oben war.

Fierce ließ sich nicht lumpen. Sie rüttelte am Geländer, stieg dann hinauf und stellte sich ebenfalls auf. Sie war sich nicht zu fein, ein geringeres Risiko als Harlequin einzugehen. Sie stellte sich mit den Rücken zum Balkon. Die beiden nickten sich zu und begangen zu trinken.

Alle O’Nialls, beinahe alle Howling Shadows und ein Großteil der Metamenschen auf der Straße feuerten Fierce an.

Harlequin gewann dennoch. Er verschüttete weniger, leerte seine Flasche schneller und verschmierte dabei weder sein Baron-Samedi-Make-up noch verlor er seinen Zylinder. 

So einige Howling Shadows versuchten sich im Anschluss an dem Kunststück. Spätestens seit der Afterparty in Chicago hatte jeder von ihnen schon mal mit dem besonderen Wetttrinken seine Erfahrung gemacht. 

❄️❄️

"Gut, dass wir hier her gekommen sind“, meinte Sinister zufrieden, als wir weit nach Mitternacht die Party verließen.

Da sich vorne immer noch oder immer wieder einige Fans zeigten, waren die Humvees des FMC hinten vorgefahren.

Ich hatte Unmengen von Champagner getrunken und hatte einen Schwips, der leichter war, als man es bei jemanden von meiner Statur erwarten konnte. Das viele Training zahlte sich aus, und langsam aber sicher entwickelte ich mich zu einem richtigen O’Niall.

[Song 3: Hot 8 Brass Band - Sexual Healing3] Das aufregende Kribbeln in meinem Bauch kam jedoch nicht vom Champagner. 

Harlequin hatte die ganze Nacht über mit mir geflirtet. Obwohl, Flirt trifft es nicht richtig. Es war vielmehr eine großangelegte Verführung gewesen. Wohlklingende Komplimente, mal flüsternd, mal laut ausgesprochen mit schwerem kreolischem Akzent. Zarte Berührungen. Tanzen mit intensivem Blick. Er hatte seine Stärken präsentiert, mich aus dem Hintergrund beobachtet, mich abgefangen und ins Halbdunkle gezogen, um mir frivole Schmeicheleien ins Ohr zu flüstern.

Ich hatte nur allzu gerne mitgespielt. Mich geziert, ihn sogar abgewiesen und ihn dann wieder angelockt. So hatte sich immer mehr Begierde in mir angesammelt. Am Ende beschleunigte ein einziges seiner Worte meinen Puls.

Da inzwischen alle Howling Shadows erkannt hatten, das Baron Samedi Harlequin war, störte sich niemand daran, als er mit in den Humvee stieg.

Ich hatte Schwierigkeiten mich zu zügeln, als wir dicht nebeneinander saßen. Der Fächer war auf der Rückfahrt mehr als nur ein modisches Accessoire. Ich brauchte ihn, um einen letzten Rest von kühlem Kopf zu bewahren.

Ja, Fächer waren praktisch.

❄️

Als sich die Tür meiner Kabine endlich hinter uns schloss, konnten wir unserer Leidenschaft freien Lauf lassen.

Die Zeit bis zum Morgengrauen verging wie im Flug.

Ich wette übrigens, dass nicht sonderlich viele von sich behaupten können, Sex auf einem Schlachtschiff gehabt zu haben.

❄️❄️

Party Time!

Moxi hatte wirklich nur die Crème de la Crème an Partys für uns rausgesucht. Ich hatte es mit meinem Outfit leicht, denn ich trug einfach das, was ich auch am Vortag angehabt hatte. Magisch aufgefrischt merkte man dem Ensemble nicht an, dass es schon eine ganze Partynacht auf den Federn hatte. Auch Harlequin war bei der Garderobe von gestern geblieben. Mit einer Änderung: Einige Pastellfedern meines Rockes schmückten nun seinen Zylinder. 

Thunderstrike sah man zum ersten Mal überhaupt an, dass er aus New Orleans kam. Er trug ein lila Hemd zu dunkelgrüner Hose und war sich nicht zu cool, um sich die Perlenketten umhängen zu lassen. Er sammelte sie sogar stolz.

Die Ketten in gold, lila und grün kauft man nämlich nicht einfach für sich selbst. Nein, man kauft sie, um sie jemand anderem umzuhängen. Zum Beispiel, weil einem dessen Kostüm gefällt. 

Iron Horse hatte es mit dem Tragen von Massen bunter Ketten nicht ganz so leicht, bewies im Laufe des Tages aber, dass Perlenketten an einem ganzen Kerl eben sehr maskulin aussehen können.

Leatherface hatte es sich einfach gemacht und trug eine Kutte sowie eine Totenkopfmaske.

Fang hatte sich nicht großartig verkleidet, aber zumindest eine Wolfsmaske aufgesetzt.

Sinister erschien in einem schwarzen Rabenkostüm samt Kopfbedeckung, welches sie hier in New Orleans gekauft hatte.

Red Velvet trug ein figurbetontes, schulterfreies Kostüm, das lila, gelb und grün kariert war.

AveRage hatte sich wieder einmal auf die ihm ganz eigene Art herausgeputzt. Er hatte sich für eine lila Piratenhose, ein knallgelbes Hemd und eine weiße Maske entschieden, auf die ein schwarzes Gesicht mit Augenbrauen, Augen, Schnurr- und Kinnbart aufgemalt war.

Mr. Tea wurde durch ein buntes, gemustertes Shirt in grellen Blau- und Grüntönen, eine gelbe Hose, eine riesige Sonnenbrille und einen braunen Cowboyhut zu Mr. Hippie.

Eden hielt es deutlich eleganter. Sie trug ein schlichtes, kurzes Cocktailkleid, hatte sich einen spektakulären Kopfschmuck aufgesetzt und dazu von einem Künstler, ebenfalls hier in der Stadt, mit einem fantastischen Bodypainting verzieren lassen. 

Shark Finn trug ein wild gemustertes Hawaiihemd in den klassischen New-Orleans-Farben, Rubber Duck einen Anzug in dunklem Lila, dazu ein goldenes Rüschenhemd und eine grüne Krawatte. 

Bloody Guts lief wieder ganz in Schwarz herum, hatte sich aber bei den Accessoires ins Zeug gelegt. Mit Knochenkette, Nietenarmband, Skeletten als Ohrringen und einem Steampunk-Zylinder wurde er zu einer noch imposanteren Erscheinung. Selbstverständlich hatte er auch sein AR-Image mystisch aufpoliert. Außerdem war sein Teddy zum Voodoo-Teddy geworden.

Foggy bevorzugte es eher klassisch, mit Steampunk-Ensemble samt Zylinder und einem goldenen Hemd.

Moxi bot all ihre Sexiness dar: In violetter Korsage, grünen Plateau-Highheels, passenden Netzstrümpfen und Strumpfbändern aus glänzendem, goldenem Satin.

Tiernan und Liam trugen Kilt in O’Niall-Tartan zum grünen Hemd. Also keine Verkleidungen, sondern Clan-Outfit. Während Liam dazu schwere Boots trug, hatte Tiernan sich dazu entschlossen, wieder einmal barfuß herumzulaufen. Außerdem leistete sich Liam noch eine weitere Besonderheit. Beim Sammeln der Perlenketten ließ er sich nur grüne Ketten umhängen. 

Fierce trug übrigens auch den Kilt zu einer grünen Bluse. Außerdem hatte sie dazu einen grünen Kobold-Zylinder und eine Teufelsfratzen-Maske aufgesetzt. Die Fratze war unten herum abgeschnitten, damit die Hauer von Fierce ausreichend Platz behielten.

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Fröhlich und ausgelassen zogen wir von Party zu Party, sahen uns den Mardi-Gras-Umzug von einem Balkon aus an und liefen tatsächlich zwischen zwei Partys ein Stück mit dem Umzug mit.

Wir aßen, tanzten, unterhielten uns und tranken dabei Unmengen von Alkohol. Ich wurde immer wieder zum Tanzen aufgefordert, und egal, wohin wir kamen, man hielt für mich ein Glas Champagner bereit. Immerhin wusste man bereits aus Staffel eins, dass ich Champagner mochte. Selbstverständlich trank ich auch Rum oder Rum-Cocktails, wenn sie mir angeboten wurden. Immerhin war das hier New Orleans. 

Irgendwie schaffte ich es, meinen Alkoholkonsum zusammen mit dem Tanzen und dem Trinken von Wasser so in der Waage zu halten, dass ich kein einziges Mal bei Mash vorbei musste, um mich entgiften zu lassen. 

Training nützt eben doch, wie ich gestern bereits feststellte. 

Oder wie es Fierce sagen würde: „Regelmäßig saufen zahlt sich immer aus.“

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Gegen zwei Uhr am Morgen meinte Fang: „Du, Thunderstrike, gibt es hier eigentlich 'ne Kneipe oder eine Bar, in der du früher immer warst? Oder eine, in die du gehst, wenn du hier bist?“

Thunderstrike nickte. „Ja, gibt es.“

Dann sah Fang zu mir. „Lasst uns doch die nächste Party auslassen und in die Bar gehen. Nach all dem Trubel würde ich es mal weniger bunt und ohne Fans und so ganz cool finden.“  

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Die besagte Bar lag am Rande des French Quarter und war mehr ein inoffizieller Stützpunkt des FMC als eine Bar für die Allgemeinheit. 

Billard, Dart, Bier, schwarzer Kaffee, Whisky und Rum oder Gin pur, hier ging es simpel zu. Von fancy Drinks oder gar Kaffeespezialitäten hielt man hier nichts. Dafür konnte man aber zu einem vernünftigen Preis ein paar Sandwiches bekommen.

Als Fang die Tür öffnete und Thunderstrike eintrat, erhob sich einer der Männer mit ‚korrektem‘ Haarschnitt, die hier zahlreich vertreten waren. „Ruhe! Achtung! Gunnery Sergeant an Deck!“ 

Der gesamte Laden stand auf und salutierte. 

Das nenne ich dann mal „bekannt sein“. 

Mit einem hatte Fang recht gehabt: Obwohl der eine oder andere ein paar Perlenketten umgehängt hatte, war es hier deutlich weniger bunt und auch weniger aufgedreht.

Davon auszugehen, dass wir hier keine Fans hatten, war jedoch ein Fehler gewesen. Auch hier kannte man die Serie ‚Snowcat and the Howling Shadows‘. Auch hier wurden wir belagert, wenn auch unaufdringlicher. 

Die Wände im „Kasino“ waren mit gerahmten Fotografien, also realen Bildern, geschmückt. Kriegsschiffe, militärische Einheiten in Uniform und in Reih und Glied, lockere Gruppen von Soldaten, solche Dinge halt. 

Fang sah sich alles genau an und entdeckte irgendwann ein Foto, auf dem ein sehr junger Thunderstrike zu sehen war. Das Bild war über 50 Jahre alt. Thunderstrike gehörte demnach zu den ersten Zwergen, die nach dem Erwachen der Welt geboren worden war. Allein für dieses Wissen hatte sich der Besuch hier gelohnt.

Wir tauschten mit den Anwesenden Jagd- und Kriegsgeschichten aus. Als der Morgen graute, hatten wir viele neue Freunde gefunden.

Das war ein wundervoller, aber auch sehr langer Tag in Highheels gewesen. Meine schmerzenden Füße durften sich schonen, als mein Liebster mich an Bord des Schlachtschiffes trug.

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Die nächsten zehn Tage verbrachten meine Howling Shadows, SpArcade und ich auf dem Compound. 

Während Average und ich weiter am Schnitt und Szenen-Neudreh der zweiten Staffel SatHS werkelten, trainierten die anderen.

Rubber Duck, der in den letzten Wochen deutlich an Muskelmasse und Fitness gewonnen hatte, rannte nun immer ganz vorne beim morgendlichen Warmlaufen mit. Es stellte sich heraus, dass mit Fierce jemand ins Team gekommen war, der auch beim Training zu Scherzen aufgelegt war. Fierce liebte körperliche Herausforderungen. Beim Lauftraining gab sie plötzlich Gas und buffte jemandem gegen die Schulter oder schubste ihn sogar richtig. Einzig Thunderstrike war von solchen Attacken ausgenommen, da sie in ihm so etwas wie einen Trainer sah. Ich hätte nie gedacht, dass das noch einmal möglich sein konnte, aber die Ex-Special-Forces-Soldaten sowie Fang und Rubber Duck trainierten noch mehr, seitdem Fierce mit an Bord war. Das Wetteifern mit Iron Horse machte der Orkin dabei besonders viel Spaß.

Fierce und Fang absolvierten täglich ein Sondertraining, bei dem Fang auf dem Motorrad hinten bei Fierce mitfuhr. Sie sprangen, drifteten und übten Kampfmanöver. Schon bald waren sie ein wirklich gut eingespieltes Team. 

Wenn ich ihnen zusah, kamen Erinnerungen an mein Training mit den Ancients hoch. Ich mochte diese Erinnerungen, auch wenn sie sich unglaublich fern anfühlten.

Obwohl Fierce groß, kräftig und ein selbstbewusster Ork war, verzichtete Liam nicht darauf, eine Warnung an Fang auszusprechen: „Hältst du dich irgendwann mal an der falschen Stelle fest, brauchst du neue Hände!“ 

So war mein erster Ritter nun einmal, er beschützte ‚seine‘ Frauen.

❄️❄️

Am 15. März 2076 waren unsere Arbeiten an der zweiten Staffel abgeschlossen. Wir hatten so viel Material beisammen, dass wir die Staffel um eine sechste Folge erweitert hatten.

Bevor es für mich zurück nach Seattle ging, legte ich zusammen mit Average, begleitet von Shark Finn und Moxi, noch einen Zwischenstopp in London ein, um dort unsere Episoden persönlich bei Spinrad Media abzugeben. 

Sicher war sicher.

Wir ließen uns von Rubber Duck im Firmenjet von UC fliegen. 

Auf dem Rückflug leerte ich mit Moxi eine Flasche Champagner. Wir feierten, dass Johnny Spinrad, der persönlich zugegen gewesen war, unsere Bezahlung pro Folge erhöht hatte. Jeder aus dem Cast bekam nun 50.000 NuYen pro Folge und jedes Crewmitglied 25.000. Eine Gehaltserhöhung von 25 Prozent ist nämlich in jedem Fall ein Grund zum feiern.

Wir befanden uns mit der Serie auf dem besten Weg, reich und berühmt zu werden.

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Den wichtigsten irischen Feiertag verbrachten die Howling Shadows, Harlequin, die O’Nialls, einige UCler und natürlich ich im Haunted Mug. Tiernan, Harlequin und ich fiddelten, was das Zeug hielt, und selbstverständlich flossen Bier und Whisky in Strömen.

Harlequin ließ es sich nicht nehmen, Fierce erneut zu einigen Trink- und Geschicklichkeitsspielen aufzufordern. Mein Liebster hatte die Orkin sehr ins Herz geschlossen. Ich denke, auf einer gewissen Ebene haben die beiden viel gemeinsam. In ihnen brennt zuweilen das gleiche Feuer.

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Nach dem ‚Ausschlafen‘ - Harlequin und ich hatten den gesamten nächsten Tag und die Nacht im Bett verbracht - verabschiedete ich mich von Moxi und Finn. Die beiden hatten sich einen richtigen Urlaub redlich verdient. 

Für mich ging es unter dem Schutz meines liebsten Ritters und Geliebten nach Boston, wo ich meinem Mentor über die Ereignisse in Chicago Bericht erstattete und wir die nächsten Schritte meiner Fortbildung planten. 

Harlequin vertrieb sich in meiner Abwesenheit die Zeit bei Tango und ich war mir ziemlich sicher, dass die beiden etwas ausheckten. 

Ehran hatte sich die vollen vier Tage für mich frei gehalten. Sein Zeitmanagement ist wirklich einzigartig. Immerhin ist er ein viel beschäftigter Mann, dessen Arbeit für das DIMR nur ein Teil seiner Aufgaben ist. 

Am Abend vor unserer Abreise nach Prag gingen Harlequin und ich gemeinsam mit Ehran essen. Zu meiner großen Freude hatte sich dieses abschließende Abendessen inzwischen als kleine Tradition durchgesetzt. 

Ich genoss diese Abende sehr. Ehran und Harlequin scheint eine lange Freundschaft miteinander zu verbinden.

Irgendwann bin ich mit Katze überein gekommen, dass es sich bei den beiden höchstwahrscheinlich um Spikebabys handelt. Also Elfen, die noch vor dem Erwachen der Sechsten Welt 2012 geboren wurden. Spätestens, nachdem Ehrans Buch über die Zyklen der Magie veröffentlicht wurde kursiert über ihn das entsprechende Gerücht. Allerdings hat er sich nie zu der Vermutung, er sei ein Spikebaby, geäußert. Ich weiß nicht, wie lange vor dem Erwachen sie geboren sind. Sie überhaupt geboren sein können. Aber durch die Geschichten, die sie erzählen, gehe ich davon aus, dass es zwei bis drei Jahrhunderte sind. Magietheoretisch ist das möglich, da sind Katze und ich uns ebenfalls einig. Vielleicht spreche ich Ehran oder Harlequin irgendwann mal auf das Thema Spikebabys an. Oder ich wage es und bringe Professor Schwartzkopf darauf.

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Nachdem feststand, was ich lernen wollte, lautete mein nächstes Ziel Prag. Mit meinem Mentor hatte ich mich initiiert und nun war mein Geist frei, eine neue metamagische Fähigkeit zu erlernen. Prag war der perfekte Ort dafür. Denn dank des großen Drachen Professor Schwartzkopf wurde in Prag die ‚Universal Magic Theorie‘, kurz UMT gelehrt. Nach dieser Theorie nutzen wir alle die selbe Art von Magie, egal, wie wir sie auslegen. 

Demnach spielt es keine Rolle, ob wir ein Totem haben, uns als Schamane, wissenschaftlichen Magier oder Mutanten sehen. Demnach kann also jeder, der einen Geist beschwören kann, auch jede mögliche Art von Geistern rufen, selbst, wenn sie nach der klassischen Magietheorie nicht in das Portfolio der Ausrichtung passen. Obwohl oder gerade weil ich meine Magie sehr mystisch sehe, Feenwesen beschwöre und meine Zauber einen individuellen, ästhetischen Touch oder Kälteeffekt besitzen, habe ich das Prinzip der UMT dermaßen verinnerlicht, dass ich nun bereit dazu war, meinen Geisterpool zu erweitern.

Oder zumindest hatte ich ihn erweitern wollen. Ein Gespräch mit Professor Schwartzkopf brachte mich auf völlig andere Ideen, die ich erstmal noch eine Weile in meinem schönen Kopf hin und her wälzen musste. Eine Entscheidung, die ich nicht schnell treffen konnte oder wollte. Darum legte ich das Lernen erstmal auf Eis..

Harlequin blieb während der gesamten Zeit an meiner Seite. Er half mir, mich zu fokussieren und die Gedanken zu all dem zu sortieren.

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[Song 4: Zayn feat. Sia - From Dusk Till Dawn3] Am 14. April 2076 entführte mein Liebster mich nach Paris.

Paris, ich liebe diese Stadt. Sie ist einfach unglaublich und hat jede Menge Flair.

In keiner Stadt der Sechsten Welt wird so darauf geachtet, den Charme der historischen Stadt zu erhalten. Die Stadt ist sauber, die Fassaden der Gebäude werden gepflegt und restauriert. Wenn irgendwo ein Gerüst aufgebaut werden muss, wird die Fassade des Hauses via AR nachgestellt und in das Stadtbild integriert. So belästigen Bauarbeiten zumindest nicht das Auge. 

Paris ist gleichermaßen ein Paradies für Künstler und Shopping-Victims. Ich bezeichne mich gerne als beides.

Jedes Mal, wenn ich in Paris bin, verzaubert mich die Stadt bereits am Flughafen.

‹Hast du nicht erst vor Kurzem auf eine ähnliche Weise von New Orleans geschwärmt, Drachenkätzchen?›

‹Ja, das habe ich, Katze.›

‹Und zu Prag stehst du ähnlich, oder, Drachenkätzchen?›

‹Oh ja, Prag ist auch wundervoll, Katze.›

‹Es scheint so, als könnten Städte leicht dein Herz erobern, Drachenkätzchen.›

‹Wenn sie doch so wunderschön sind, Katze. Ich hätte gerne in jeder dieser Städte eine eigene Wohnung, damit ich jederzeit dort leben kann.›

‹Aber Drachenkätzchen, das ist doch gar nicht nötig. Es reicht doch, wenn du jemanden kennst, der eine Wohnung in der Stadt hat und sie dir zumindest zum Teil überlässt, wenn du das wünscht.›

Harlequin besitzt eine entzückende 5-Zimmer-Altbauwohnung in Paris. Sie befindet sich im fünften Stock eines Gebäudes, welches im 19. Jahrhundert erbaut wurde. Die Wohnung liegt direkt in Montmartre, dem berühmten Künstlerviertel von Paris. Die atemberaubend schöne Basilika Sacré-Cœur kann man von den schmalen Balkons vor der tiefen Fenstern aus sehen. 

Ich bin so gerne dort.

Gleich am ersten Abend gingen wir in einem kleinen Restaurant nur vier Gehminuten von der Wohnung entfernt essen und spazierten im Anschluss Hand in Hand durch Montmartre.

Um Mitternacht stießen wir in der Wohnung mit Champagner auf meinen Geburtstag an. Das Glas der Flasche Moet Dom Perignon war blind und das Etikett vergilbt, denn die Flasche war mehr als 200 Jahre alt. Der Inhalt der Flasche schmeckte fantastisch und irgendwie auch extravagant, sogar wenn ich die Augen schloss und ausblendete, dass die Flasche ein Vermögen wert war. 

Vor fünf Jahren hatte ich mich zum ersten Mal in einen Drake verwandelt. Harlequin hatte mich vor vier Jahren auf die Idee gebracht, diesen Tag als meinen Geburtstag zu feiern. 

Ich weiß nicht genau, wie alt ich bei meiner ersten Verwandlung gewesen bin. Vielleicht bin ich damals um die 20 Jahre alt gewesen, vielleicht war ich um einiges älter. Ich habe keine Ahnung, da ich so gut wie keine Erinnerungen an meine frühe Kindheit besitze. Ich führe meine Nicht-Erinnerungen auf die Tatsache zurück, nie jemanden gehabt zu haben, der mein Kindheitsgeschehen mit mir reflektierte und mir etwas darüber erzählte. Kinderbilder von mir besitze ich auch keine. Ja, selbst der Zugang zu einem Spiegel war in jener Zeit eingeschränkt. Ich weiß also nicht wirklich, wie ich als Kind ausgesehen habe. Es mag merkwürdig sein, als Erwachsene einen fünften Geburtstag zu feiern, doch wenn man den Gerüchten glaubt, können Elfen mehrere Jahrhunderte alt werden. Ich beabsichtige, diese Gerüchte zu bestätigten und zu zeigen, das mein elfisches Aussehen mehr als eine optische Bewandtnis besitzt. Und sein wir mal ehrlich, sollte ich erst einmal über 400 Jahre alt sein, kommt es doch auf fünf Jahre mehr oder weniger nicht an.

Henry flog an diesem Abend jedenfalls mit einem von Zuckerrosen bedeckten Geburtstagskuchen herein, auf dem fünf Kerzen brannten. 

Ich freute mich wie ein kleines Kind, blies die Kerzen aus und wünschte mir etwas. 

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Der neue Tag begann mit einem Frühstück vor offenem Fenster. Frühlingsluft ließ die Gardinen leicht flattern. 

Im Anschluss spazierten wir durch die Gassen von Montmartre. Irgendwann standen wir vor einem entzückenden kleinen Geschäft, in dem Antiquitäten aller Art verkauft wurden. Ein Glöckchen klingelte wild, als Harlequin die Tür öffnete.

Die roten Karos auf seinem weiß geschminkten Gesicht tanzten beinah, als er sich mir zuwandte. „Geschenk!“, meinte er nur.

Der Laden duftete nach gepflegtem Holz und altem, echten Papier. „Ah, Monsieur Harley Quinn!“, sagte ein menschlicher Mann mit schütterem Haar in einem dreiteiligen, grauen Anzug. Er hatte das i in Quinn langgezogen, als wäre es drei mal vorhanden. Der kleine, dünne Mann strahlte über das ganze Gesicht. „Es ist mir wieder einmal gelungen, zu bekommen, was Sie wünschten“, erklärte er zufrieden auf Französisch. 

„Das hatte ich gehofft, werter Gérald, das hatte ich gehofft“, meinte Harlequin zufrieden.

Offenbar nahm Gérald mich erst jetzt wirklich wahr, seine Augen weiteten sich. „Oh, Mademoiselle, wie gesegnet bin ich, dass Sie meinen Laden beehren. Nun weiß ich auf meine alten Tage, was Schönheit ist, und kann meinen Enkeln davon berichten.“ 

Ich lächelte und erwiderte charmant: „Vielen Dank für das wundervolle Kompliment. Sie haben meinen Tag soeben noch süßer gemacht!“

Harlequin grinste, ich konnte kindliche Vorfreude in ihm erkennen. „Nun zeig, was du hast. Ich bin schon so gespannt.“

Eifer erschien auf dem Gesicht von Gérald. Er verschwand unter dem Tresen, kam mit einem verschließbaren Blechkasten wieder hervor und stellte ihn zufrieden ab. Den Metallschlüssel für die Kiste trug er an einer Kette um den Hals.

Harlequin fasste mich sanft bei der Hüfte und zog mich an sich heran, damit wir beide sehen konnten, was in dem Kasten lag.

Gerald holte ein in blauen Samt eingewickeltes Päckchen von ungefähr 10 mal 15 Zentimetern heraus, legte es ab und schlug den Samt beiseite. Ein mit filigranen, geschnitzten Blüten verziertes Holzkästen kam zum Vorschein. Mir oblag das Vergnügen, den Buchdeckel des Kästchens aufzuschlagen. 

Mein Herz pochte wild vor Aufregung und Neugier.

Darin lagen Tarotkarten.

Nach einem Blick auf Gérald nahm ich sie heraus.

Es waren natürlich nicht einfach irgendwelche Tarotkarten. Ein offenbar handbemaltes, französisches Deck mit verspielten, detailreichen, impressionistischen, teilweise mystischen Motiven. Die Karten waren lackiert, gut erhalten, wiesen aber Gebrauchsspuren auf.

Als ich die Karten mit bloßen Händen berührte, spürte ich einen psychometrischen Imprint. Gesellschaften, Lebensfreude, Gaslicht, Absinth, Enthüllungen - Schlagworte, die mir zu den leicht vergilbten Bildern in den Sinn kamen. Mit diesem Deck war offenbar so einigen die Zukunft vorhergesagt worden, und das bevor die Magie in die Welt zurückgekehrt war. Die Karten hinterließen ein angenehmes Gefühl in mir. Ich mochte sie.  

Die Bilder waren wunderschön. Der Stil des Malers kam mir allerdings bekannt vor. „Das erinnert mich an Bilder von Renoir“, erklärte ich leise.

„Oui, Mademoiselle!“, freute sich Gérald. „Das ist exakt der Mann11, der die Karten 1866 hier in Paris malte, nachdem er Mary Shellys Frankenstein gelesen hatte und vom Mystischen fasziniert war. Die Karten waren ein Geschenk für seine Geliebte Lise Tréhot, die sich dann mit dem Thema beschäftigte und sie einige Jahre nutzte, um Freunden die Zukunft vorauszusagen.“ Gérald streckte sich ein wenig und verkündete mit stolzgeschwellter Brust. „Und jetzt, über 200 Jahre später, haben die Karten ihren Weg zurück an ihren Geburtsort gefunden, um von Ihren zarten Händen berührt zu werden. Das ist eine großartige Geschichte!“

Ich war für einen Moment still vor Ergriffenheit. „Ja, das ist eine großartige Geschichte“, bestätigte ich, „Ich wusste nicht einmal, dass Renoir Tarotkarten gemalt hat.“

„Ah, Mademoiselle, ich wusste es auch nicht, bis mich Monsieur Harley Quiiinn vor einiger Zeit auf die Suche danach geschickt hat!“

Harlequin grinste. „Ich dachte, Tarotkarten machen sich neben Fächer und Taschentüchern in der Handtasche besser als Origamipapier.“

Ich umarmte Harlequin leidenschaftlich. „Ja, genauso ist es, ich danke dir.“

Da ich erfreut war, war auch Gérald zufrieden.

„Mademoiselle?“, meinte er ein wenig schüchtern, „Es hat Ihnen sicher schon jemand gesagt, aber Sie haben sehr viel Ähnlichkeit mit der Elfe in der Serie, die meine Enkel immer so gern ansehen.“

Ich grinste. „Sie meinen Snowcat und die Howling Shadows?“

„Oui, genau!“

Nun lächelte ich. „Die Ähnlichkeit ist so frappierend, da ich tatsächlich Snowcat bin“, gestand ich und fuhr ohne Pause fort, „Wie viele Enkelkinder haben Sie denn?“

„Drei!“

„Wir können einige Selfies machen und ich könnte ein paar virtuelle Autogrammkarten organisieren, wenn Sie möchten.“

„Oh, das wäre wunderbar!“, erwiderte Gérald und wurde rot.

So machten wir Selfies im Laden, ich unterschrieb Autogrammkarten und organisierte via Matrix noch sechs Promotioncodes. Mit TAGs versehene Taschentücher hatte ich keine dabei, etwas, was ich Foggy nicht erzählen würde. Doch ich zog frische, jungfräuliche Taschentücher aus meinem eigenen Vorrat aus meiner Handtasche und unterschrieb sie ebenfalls.  

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[Song 5: Daniela Andrade - La Vie En Rose3] Nachdem ich dieses wundervolle Geburtstagsgeschenk erhalten hatte, setzten wir uns an die Seine, wo Harlequin mir eine Menge über Tarotkarten erzählte und mir die Grundlagen des Kartenlegen selbst erklärte. 

Die Bäume standen in voller Blüte. Die Sonne schien frühlingswarm. Ich, in den Armen meines Liebsten. 

Es konnte nicht perfekter sein!

Ich versuchte mich am Kartenlegen, ohne Magie zu nutzen, also ohne das entsprechende Ritual durchzuführen. Der Imprint auf den Karten kribbelte jedes Mal angenehm, wenn ich sie berührte. Verspielt sagte ich erst einigen Spatzen und dann mir selbst die Zukunft voraus. 

Ich lachte, als im Liebesorakel ausgerechnet der Narr an der Position meines Partners lag. Das versprach Abenteurer, Freiheit und berauschende Leidenschaft.

„Und?“, fragte Harlequin. „Was sagen die Karten?“

Ich lachte gurrend. „Liebe liegt in der Luft, daher wird die Spatzenpopulation bald gewaltig ansteigen.“ Im verschwörerischen Ton erzählte ich weiter: „Doch ein Familienstreit zwischen zwei Spatzenclans zeigt sich an Horizont, und da werden einige Federn fliegen!“

Ich änderte meine Position, setzte mich rittlings auf Harlequins Schoß und sah ihm tief in die Augen. „Was uns beide angeht“, hauchte ich, „bist du mir hoffnungslos verfallen und auf ewig an mich gebunden.“ Ich küsste ihn.

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Als die Abenddämmerung hereinbrach, gingen wir erneut in einem wundervollen kleinen Restaurant essen. In diesem war ich bisher noch nicht gewesen. Harlequin hatte reserviert und man kannte ihn dort offensichtlich. Auch hier begrüßte man ihn wie einen alten Freund. Etwas, was man öfter erlebt, wenn man mit Harlequin unterwegs ist. 

Das unglaublich gute Essen bestand auf fünf Gängen bester moderner französischer Küche. Alle Zutaten waren organisch und frisch gebacken oder gekocht. 

Im Anschluss an das Mahl schlenderten wir Hand in Hand an den Ufern der Seine entlang. Überall auf den Wegen und Alleen waren zarte kleine gelbe und rosa Lichter angebracht. Rosenduft durchflutete die Stadt und selbst via AR hatte man Paris einen zartrosa Glanz verliehen. 

Wind ließ Blüten auf uns herabregnen. 

La Vie En Rose. 

Wir waren nicht das einzige Liebespaar, welches sich eng beieinander seinen Weg bahnte und sich gegenseitig kleine Nettigkeiten ins Ohr flüsterte. 

Ich störte mich nicht einmal daran, dass der eine oder andere doch einen Blick für uns hatte und mich erkannte. 

Wenn ich eine Ewigkeit auf eine einzige Art verbringen müsste, dann auf diese Art. Ich kicherte. Nein, dann doch lieber mit Harlequin im Bett. 

Ein Chanson klang aus einer Bar zu uns herüber. Ich stellte mich vor Harlequin und nahm Tanzhaltung an. Erst tanzten wir passend zur Musik, dann wirbelte er mich plötzlich herum, beugte mich weit nach hinten, hielt mich so und sah mir tief in die Augen.

Mit seiner wohlklingenden Erzählstimme begann er: „Anno 1635 trug es sich zu, dass ein schneidiger Musketier …“ Seine Kleidung veränderte sich und er trug plötzlich die Uniform eines Musketiers, samt Rapier in der Scheide. „ … mit seiner wunderschönen Lady …“, plötzlich trug ich ein prächtiges Kleid aus der Zeit von Louis XIII., „ … im abendlichen Paris …“, die Umgebung veränderte sich, die Wege wurden schmaler, die Laternen und Lichter verschwanden, die Luft wurde klarer, es roch nach Pferden und Blüten, „ … ein wenig flanierte. Plötzlich brachen vier Schurken aus dem Dunkeln.“

Nur begann Harlequin, eine spannende Geschichte zu erzählen. Über eine verbotene Liebe, einen zu früh zurückgekehrten Gatten, bezahlte Meuchler und einen Fechtkampf auf Leben und Tod. Die Umgebung wurde zu einem Paris im 17. Jahrhundert. Harlequin und nicht zuletzt ich waren Teil der Geschichte. Wir erlebten sie. Zuschauer, überwiegend andere Paare, blieben stehen, um sich das Spektakel anzusehen. Ich roch den Schweiß der Angreifer und ihr Blut, ich schmeckte den Staub der Straßen. Es war einfach unglaublich! 

Harlequin war unglaublich!

Am Ende siegte der Musketier nur leicht verletzt und küsste seine Liebste glücklich.

Als unser Kuss endete und wir, nebst Paris, wieder in die Gegenwart zurückgekehrt waren, hatte sich ein erkleckliche Menge an Publikum um uns herum geschart. Es gab Applaus.

Harlequin verbeugte sich, drehte sich dann zu mir und reichte mir eine duftende, rote Rose, die er aus der Innentasche seiner Lederjacke gezogen hatte. 

Ich hatte unglaubliches Glück, Harlequin zum Geliebten, Freund, Lehrer und Vertrauten zu haben.

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[Song 6: Daniela Andrade - Crazy in Love3] Es folgten weitere wunderschöne Tage in Paris. Wir besuchten den Louvre, hielten dort stumme Zwiesprache mit der Mona Lisa oder betrachteten die anderen Kunstwerke.

Wir kauften Käse und Oliven im Marché Saxe-Breteuil, tranken Wein nahe der Stufen von Sacré-Cœur und hingen mit den Künstlern in Montmartre ab. 

Ich stellte sogar eine Staffelei auf und malte in der Frühlingssonne, während mein Liebster Songs auf der Gitarre spielte. 

Irgendwann bemerkte ich, wie eine Gruppe von vier Touristen in meine Richtung deutete. Daumen und Zeigefinger wurden in der Luft gespreizt und somit via AR ein Fenster gezoomt. Sie nickten sich erfreut zu. Dann machte man definitiv ein Foto von mir und kam möglichst unauffällig näher. 

Gleich darauf öffneten andere Passanten Nachrichten, einige blieben dabei sogar stehen und drehten sich suchend um. 

Ich checkte mein Commlink. Und tatsächlich war eingetroffen, was ich vermutet hatte: Ich war soeben auf Celebrity-Watch als gesichtet markiert worden. Nun würde sich in Windeseile verbreiten, dass ich hier war.

Harlequin veränderte kaum merklich seine Haltung und klimperte weiter auf der Gitarre.

Man begrüßte mich verhalten, wollte ein Selfie mit mir machen. Was ich aus Marketinggründen ablehnte, dafür aber ein Foto von mir erlaubte und ein Autogramm anbot. Die Gruppe wurde schnell größer. Man bot mir sogar Geld für das noch nicht fertige Bild auf meiner Staffelei an. 

Harlequin zwinkerte mir zu. Er hatte Recht, ich konnte die Masse leichter bändigen, wenn ich ihr eine Show bot. Abgesehen davon wäre das gute Werbung für die Serie.

Also stellte ich mich auf den Stuhl, auf dem ich zuvor gesessen hatte, beschwor meine Sylphe12 Aravilar und begann zu erzählen. „Hey, bald startet die zweite Staffel von SatHS.“

Es wurde geklatscht und gejubelt. 

„Wollt ihr wissen, wohin es geht? - Ja? - Dann gebe ich euch einen Tipp. Ich gestikulierte und zauberte. Ein Schneesturm näherte sich. Natürlich war es nur eine Illusion. „Es war dort kalt und windig. Wir mussten gegen Schneestürme bestehen.“ Die Sicht verschlechterte sich, der Wind heulte, die Bäume bewegten sich im Wind. Ich konzentrierte mich abermals und sorgte mit einem schwachen Zauber dafür, dass sich die Umgebungstemperatur senkte. Nur ganz leicht, aber der Effekt war spürbar, wenn auch nur kurz. Dann ließ ich in der Illusion das Summen von Mücken erklingen, Hunde schaurig heulen und einen geifernden Wendigo durchs Bild laufen.

‹Aravilar, bitte verschleiere auf mein Zeichen Harlequin und mich!›, bat ich den Spirit of Air. 

‹Wie Ihr wünscht, MyLady!›, erwiderte er.

Ich änderte die Illusion und urplötzlich fanden sich alle in der Basilika wieder, eine kurze Kampfszene zog alle Aufmerksamkeit auf sich. „Das und noch viel mehr seht ihr in der zweiten Staffel von Snowcat and the Howling Shadows.“ Glocken erklangen. „Passt bis dahin auf euch auf!“

Es folgte eine kleine Explosion mit Schneeflocken-Funken, Rauch und der Befehl ‹Jetzt!› an Aravilar. 

Harlequin nahm meine Hand und wir gingen grinsend direkt durch die Ansammlung von staunenden Metamenschen, die klatschten, johlten und nach mir Ausschau hielten. 

Ich war zufrieden mit meiner Performance. Das reichte zwar noch nicht an das heran, was Harlequin vor ein paar Tagen gezaubert hatte, aber dafür, dass ich das Zaubern erst seit einiger Zeit konnte, war es richtig gut gewesen.

Um in den nächsten Tagen solche Ansammlungen zu vermeiden, färbte ich dank einer Adeptenfähigkeit einfach mein Haar rot, blond oder braun, wenn wir uns länger an einem Ort in der Öffentlichkeit aufhielten. Wenn wir uns bewegten oder in einem Restaurant und Café waren, erkannten mich die Metamenschen zwar auch, doch dann waren sie sich nicht sicher oder zu höflich, um mich anzusprechen und aufzuhalten.

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Harlequin und ich nahmen an zwei aufeinander folgenden Abenden an Poetry Slams teil, die in einer kleinen Bar stattfanden. Dort waren wir unter anderen Künstlern. Auch hier hatten fast alle SatHS gesehen, dennoch bedrängte mich niemand. Wir gewannen sowohl in der Kategorie ‚Battle of the Sexes‘, als auch in ‚Sweet Nothings‘. Passend zur Atmosphäre beendeten wir den Abend mit Absinth, den wir mit brennendem Zucker süßten, wie es Hemingway, Poe und Wilde getan hatten. 

Zurück in der Wohnung erzählte Harlequin mir Geschichten, die ihm über die Absinth liebenden Autoren zu Ohren gekommen waren. Diese Geschichten waren so plastisch, so detailreich, so unbekannt, dass sie entweder ausgedacht waren oder aber meine Theorie von den 200 Jahren alten Spikebabys untermauerten.

Jeder Tag war mit der einen oder anderen Lektion im Tarot angereichert. Er gab diverse Systeme, in denen man die Karten legen konnte. Verschiedene Decks und einen historischen Hintergrund hatten Tarotkarten zudem auch noch. Eine Geschichte, die bis weit ins alte Ägypten und sogar darüber hinaus in die Vierte Welt zurück reichte. Harlequin wusste viel über Tarot und das, wo er sich eigentlich gar nicht dafür interessierte, wie er selbst betonte. 

Gab es eigentlich irgendetwas, was dieser Mann nicht wusste oder konnte? Wahrscheinlich nicht viel. Verraten oder zeigen würde er sein Wissen aber nur, wenn er gerade dazu in Stimmung war. Wenn man etwas von ihm wissen wollte, zu dem er gerade nicht in Stimmung war, dann war er nämlich ein Meister im Ignorieren und Themenwechsel. Meister ist sogar ein zu geringes Wort, es muss hier nämlich Großmeister heißen. Das Geheimnis, viel von meinem Liebsten zu erfahren, liegt darin, nichts von ihm wissen zu wollen und nur das aufzunehmen, was er einem gibt. Dann ist er ein Quell der Erleuchtung. Ich weiß sehr wohl, dass er andere damit und mit seinen extremen Stimmungsschwankungen - übersensible Frauen am Rande des Wahnsinns, die ihre Periode bekommen, sind nichts dagegen -  zur Weißglut bringen kann. Mich stört das nicht. Ich habe allerdings auch leicht reden, denn gerade seine Stimmungsschwankungen treten in meiner Gegenwart nur gemäßigt auf. Im Gegenteil, ich mag die Stimmungsschwankungen sogar. Ich finde es spannend, nicht zu wissen, was einen erwartet und je nach Stimmung etwas zu unternehmen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Stimmung auf Harlequin abfärbt. 

Und was gibt es Schöneres, als gemeinsam in Melancholie aufzuwachen? Sich dem hinzugeben, Hand in Hand dem Regen zuzusehen, Gedichte zu lesen oder selbst eines über das Vermissen zu schreiben. 

Auch in düsteren Stimmungen und dunklen Gefühlen liegt etwas Schönes. Man muss die Dinge nur annehmen.

Doch ich bin verliebt und damit voreingenommen, das macht alles leichter.

Harlequin hält übrigens nicht sonderlich viel von Schicksal oder einer vorbestimmten Zukunft, darum interessieren ihn Tarotkarten wirklich nicht weiter. Das mit dem Schicksal sehe ich ähnlich. Dennoch kann es hilfreich sein, Omen richtig deuten zu können. Gerade, wenn man mal an einer Stelle auf einem Run oder auf der Jagd nicht weiter kommt.

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Vierzehn wundervolle Tage in Paris ließen mich die Aufregung vor dem Jägerball völlig vergessen. Doch dann war es an der der Zeit, nach Prag zurückzukehren, denn mein Ball der Bälle stand direkt bevor. 

Ungefähr so wie ich zu diesem Zeitpunkt müssen sich Teenager kurz vor ihrem Abschlussball fühlen.

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[Song 7: Men Without Hats - Safety Dance3] Was für eine außergewöhnliche Ansammlung an Macht und Metamenschen! Sämtliche Howling Shadows, also Crew, Cast und Special Appearances, dazu Doc, SpArcade, Johnny Spinrad plus vier seiner Bodyguards, Harlequin und ich, kamen auf dem Flughafen von Prag zusammen. Genauer gesagt trafen wir uns im privaten Bereich von Spinrad Industries, wo zwei große Hubschrauber in einer Highclass-Ausstattung für uns bereitstanden. 

Moxi überwachte den Transport und das Festzurren von Kleiderstangen und Kisten mit all unserer Ballgarderobe höchstpersönlich. Sie machte den Transporteuren überdeutlich, wie wichtig es war, dass jedes dieser in Kleiderhüllen eingeschweißten Ensembles unbeschadet und unbeschmutzt den Zielort erreichte. Als einer der jungen Männer hinten mit einer Stange beinahe an einem Türrahmen entlanggeschrammt wäre, rief sie: „Hör mal, Schätzchen, das Zeug ist wichtig! Wenn es hier gleich brennt, dann rettest du zuerst dieses Stange, bevor du dich um Kinder oder Hundebabys kümmerst, verstanden!“ Natürlich schätze Moxi Leben höher als Kleider, jedenfalls, wenn sie darüber nachdachte. Doch in dem Moment, in dem sie das sagte, meinte sie es genau so. Was jeder spürte. Der junge, menschliche Mann wurde blass um die Nase und ging nun deutlich vorsichtiger mit allem um. 

Die Vorsicht war durchaus berechtigt. Abgesehen von der Tatsache, dass die Kleidung mehrere 100.000 Nu¥ wert war, sie war auch unersetzlich, selbst wenn man von der Tatsache absah, dass man dort, wo wir jetzt hinflogen, nicht mal eben shoppen gehen können würde. Einiges würde sich einfach nicht auf die Schnelle neu beschaffen lassen.

Mein Traum von einem Kleid zum Beispiel. Eine schulterfreie, weit ausladende Ballrobe in himmelblau, vorne mit tiefem Herzausschnitt, komplett mit hellblauen Blätteranken bestickt. [BILD] Die Robe war so weit, dass sie auch als Hochzeitskleid angeboten wurde, aber wer bei allen Drachen der Sechsten Welt wollte schon in blau heiraten? Der Stoff des Kleides war so teuer, dass man jedes Stück nur auf Anfrage fertigte. Dank moderner Technik konnte ich via AR die Stabilität aus dem Rahmen des Rocks nehmen. Dann fiel das Kleid ein wenig in sich zusammen. Gleichzeitig wurde es vorne wie ein Vorhang gerafft und hochgezogen, das machte das Tanzen darin weitaus leichter. Dazu würde ich hellblaue, zehn Zentimeter hohe Stiletto-Pumps tragen. Ja, nur zehn Zentimeter. Immerhin würden nicht alle Männer, mit denen ich zu tanzen gedachte, über 1,88 m groß sein. Handschuhe, Fächer und eine passende Clutch, in der ich Taschentücher aufbewahren konnte, rundeten das Bild ab. Außerdem war dieser Ball endlich die Gelegenheit, mein wertvolles Diamant-Perlen-Kollier und die passenden Ohrringe zu tragen, die mir Aina vererbt hatte [BILD & BILD]. Ich freute mich schon unglaublich darauf, das alles zum ersten Mal heute Abend komplett an mir selbst zu sehen.

Für einige andere Ladys aus dem Team hatte Moxi ein Ensemble aus der berühmten Heritage Line von Zoé besorgt. Sie selbst würde natürlich ‚Spanish Courtesan‘ tragen. Für Sinister gab es ‚Tír Tairngire‘, für Red Velvet ‚Feudal Japanese‘ und für Fierce ‚Cara Fahd‘. Dass es Moxi gelungen war, ein Kleid aus der Cara-Fahd-Serie zu besorgen, war ein echtes Wunder. Sie war erst 2075 veröffentlicht worden, martialisch angehaucht und speziell für Orks designt. Was nicht heißen sollte, dass die Outfits nicht auch bei anderen Rassen heiß begehrt waren. Einzig Eden hatte sich gegen ein Heritage-Outfit und für ein eher schlichtes, sehr elegantes, dunkelblaues Meerjungfrauen-Kleid entschieden.

‹Sie ist nicht die einzige, Drachenkätzchen. Du trägst auch etwas anderes.›

‹Ja, das stimmt, Katze. Auch, weil ich mich nicht für einen Stil entscheiden konnte.›

‹Oh, das war kein Vorwurf, Drachenkätzchen. Ich weiß, dass du diese Heritage-Kleider sammelst, aber für den Jägerball muss es etwas sein, was nur für dich gemacht wurde.›

❄️

Der Ball fand auf Spiš Castle statt. Johnny Spinrad hatte das komplette Gelände erst vor kurzem erworben, restaurieren und in eine exklusive Hotel- und Freizeitanlage umbauen lassen. Montag, also erst nach dem Ball, würde das Hotel eröffnet werden. Somit war der Jägerball gleichzeitig ein Promotion-Event für das Hotel. Selbstverständlich würden wir beim Ball nicht drehen, sondern nur hin und wieder einige Aufnahmen für einen kurzen Clip machen. Unsere Gäste sollten bei dem Ball ungezwungen und unter sich sein können. Ich war schon so gespannt, wer von denen, die ich eingeladen hatte, kommen würde - und natürlich war ich neugierig darauf, wen Johnny noch so auf den Plan gerufen hatte.

Snowcat und die Howling Shadows waren offiziell Gastgeber des Jägerballs. Der Ball war zwar auch irgendwie unsere Releaseparty zur zweiten Staffel, dennoch war diesmal kein so spektakulärer Auftritt geplant wie unser Sprung vor Staffel eins direkt vor die Needle. Es würde einfach nur ein Red-Carpet-Event geben. Unsere Ankunft auf dem roten Teppich und auch die Ankunft unsere Gäste, sofern sie nichts dagegen einzuwenden hatten, würde gedreht und kurz nach dem Streaming-Start der ersten Folge von Staffel zwei im Trideo gezeigt werden. 

Eine Ankunft auf dem roten Teppich klingt groß - und so war es wohl auch geplant gewesen. Dennoch hatte ich nicht damit gerechnet, welche Mengen von Fans sich die Mühe gemacht hatten, den Weg hier raus zu finden. Einige hundert Metamenschen hatten sich auf den großen Platz vor dem Eingang versammelt. Offenbar hatten sie über ihren SatHS Platinum Pass Zugang zu dem Gelände erhalten.

Und auch sonst hatte ich mit so einigem nicht gerechnet. 

Das Personal trug gerade geschnittene, futuristische Kleidung, war via AR jedoch mit den Outfits der Howling Shadows aus Staffel 2 versehen. 

Überall auf dem Gelände und in der Burg selbst waren Trideoprojektoren aufgestellt worden, die, wenn sich ihnen jemand näherte, eine gut überarbeitete Szene aus Staffel eins oder zwei auf die Hecke oder an die Wand projizierten.

Das hauseigene Netzwerk warb mit ‚Fitnesstraining nach Thunderstrike‘ oder ‚Play virtual Games like Bloody Guts‘. Der Wellnessbereich war ‚Moxi approved‘ und heute Nacht würde ein Bereich des Hotels als ein Spielkasino abgetrennt sein. Gastgeber war Doc und es lief unter dem Motto ‚Let's finish the game first!‘

Die Metamenschen jubelten uns zu, als wir aus den Hubschraubern stiegen und über den Teppich schritten. Sie forderten Autogramme, wurden von den Sicherheitskräften aber nicht durch die Absperrung gelassen. Wir mussten schon hingehen und Autogramme geben, was wir selbstverständlich auch taten. Einige wurden mehr, andere etwas weniger verlangt. Wobei einige von uns auch mehr Freude daran hatten, Autogramme zu geben, als andere.

Als ich den Eingang fast erreicht hatte, ließ die Security doch eine Gruppe von fünf schlanken, weiblichen, chinesischen Jugendlichen in verschiedenfarbigen Outfits durch. Ich konnte einfach nicht glauben, wer da auf mich zugerannt kam, um sich mit mir fotografieren zu lassen.

Die sagenumwobenen Wu-Quints. 

Die Fünflinge, die 2061 von Sharon Wu geboren worden waren - und zwar nur ein Jahr, nachdem sie einen Coin of Luck von Dunkelzahn geerbt hatte. Fo in Grün, Shui in Rot, Moak in Gelb, Gum in Schwarz und die im wahrsten Sinne des Wortes stille Tou, die niemals ein Wort sagte, war wie ich völlig in Weiß gekleidet. Fünf fünfzehnjährige Mädchen, über die ich mehr wusste als über die meisten der Howling Shadows. Über die jeder ‚mehr‘ wusste, da sie seit ihrer Geburt Berühmtheiten waren, die im Fokus der Öffentlichkeit standen. Viel zu sehr im Fokus standen, wenn es nach Sharon Wu ging. 

Natürlich ließ ich mich mit ihnen fotografieren. 

Moak postete sogleich in diversen sozialen Netzwerken ein Selfie mit mir und schrieb dazu, wie beeindruckt sie von mir war, und dass sie sich alle schon auf den Jägerball freuten.

Ich spürte förmlich, wie Foggy vor Freude in die Hände klatschte.

Ich schloss die Fünflinge sofort ins Herz und lud sie spontan dazu ein, uns im ‚dressing room‘, also wenn wir Mädchen uns gemeinsam für den Ball fertig machten, Gesellschaft zu leisten. Eine Einladung, die die Quints nach Rücksprache mit ihren Bodyguards nur allzu gern annahmen.

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Im Hotel meldete ich mich via AR noch im Fahrstuhl für das Partyevent ‚Jägerball‘ an. Sogleich erwachte mein virtueller Tanzfächer zum Leben.

Ich freute mich.

Das mit den Tanzfächern war meine Idee gewesen. Gleich in mehreren Jahrzehnten, historisch gesehen, hatte man Fächer als Tanzkarten auf gesellschaftlichen Anlässen zweckentfremdet oder genau dafür und als Erinnerung angeschafft. Auf Tanzkarten konnten sich Herren eintragen, wenn Damen ihnen einen Tanz gewährten. So gab es hinterher keine Streitigkeiten wegen der Reihenfolge und alle konnten darauf achten, dass ein Herr nicht unstandesgemäß oft auf einer Karte vertreten war. Um letzteres ging es bei uns natürlich nicht. Aber ich fand die Idee mit der Reihenfolge ganz nett, und da man unsere Fächer auch abspeichern konnte, hatte man eben auch gleich etwas zur Erinnerung. 

Ich hatte den gesamten Ball unter das Konzept gestellt, Altes, Neues, Märchenhaftes und Modernes miteinander zu kombinieren. Selbstverständlich bekam man auf dem Jägerball unabhängig von Geschlecht und Rasse einen Fächer. Jeder konnte seine Tanzanfrage per virtuellem Schmetterling verschicken. Wurde die Anfrage angenommen, setzte der Gefragte den Schmetterling auf einen Tanz und das Ergebnis wurde auch auf dem Fächer des Fragenden eingetragen. Kam der Tanz an die Reihe, wies einem ein Schmetterling auch gleich dem Weg zur Position des Tanzpartners. 50 Tänze waren auf dem Fächer eingetragen. Selbstverständlich würde es noch mehr Gelegenheit zum Tanzen geben. Das Tempo, die Art des Tanzes und der Song waren ebenfalls vermerkt. Meistens stand bei Art ‚frei‘. Doch der Eröffnungstanz war ein langsamer Walzer. Dieser Tanz war bei mir bereits blockiert. Die Informationen zu den Songs waren noch leer. Ich vermutete, sie würden später automatisch zugefügt werden.

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Ich grinste wie ein rosa Plüscheinhorn auf Novacoke, als ich wenig später meine Hotelsuite betrat. Harlequin, der zwar mit mir aus dem Hubschrauber gestiegen, aber nicht an meiner Seite geblieben war, erhob sich aus einem Sessel, kam zu mir und küsste mich.

Ich seufzte zufrieden. 

Mein Leben ist einfach perfekt!

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Wir hatte die Einladungen - SatHS, UC und Johnny nicht mitgezählt - auf maximal 150 Stück beschränkt. Jeder Geladene durfte eine Begleitung mitbringen. Bodyguard oder anderes Personal zählten hierbei nicht, mussten aber auch angemeldet werden. Jeder Anwesende musste einen kleinen Pin tragen, in dem sich ein Sicherheits-TAG befand. Howling Shadows bekamen Rosenblüten, Gäste Kirschblüten, Hotelpersonal Rosenblätter und mitgebrachtes Gefolge Kirschbaumblätter als Pin. Hey, auch wir mussten für die Sicherheit sorgen, und auf die Art würde niemand sein Commlink anlassen müssen, wenn er nicht wollte, und trotzdem vollen Zugang zum Event haben.

Wie ich bereits erwähnte, wusste ich nicht, wer alles geladen war. Ich wusste nur, wen ich eingeladen hatte, hier aber nicht, wer letztendlich zugesagt hatte.

So war die Überraschung größer.

Da ‚Snowcat and the Howling Shadows‘ offiziell Gastgeber waren, würden wir die Gäste begrüßen und im Empfang nehmen. Und zwar jeden einzelnen von ihnen. Das hieß im maximalen Fall 300 Hände zu schütteln und gut 150 mal ein paar nette Worte sagen. Kannte ich den Gast nicht persönlich, würde Moxi mir via AR Informationen einblenden, die ich nutzen konnte.

Es war vorgesehen, dass zumindest mich jeder Gast begrüßen dürfte. Wer wollte, konnte auch anderen Howling Shadows die Hand schütteln. 

Als Gastgeber standen wir alle auf einem großen Podest am Ende des Ballsaales. 

Johnny Spinrad würde den Zeremonienmeister geben, genau so, als wäre dies hier ein königlicher Staatsball.

Wer uns begrüßt hatte, würde Champagner, Cocktails und kleine Häppchen gereicht bekommen und konnte sich an die Seite stellen, um dem Rest beim Einlaufen zuzusehen.

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Der Ballsaal war festlich geschmückt. Diverse keine Tische und Stühle standen am Rand bereit, damit man sich setzten oder sein Glas abstellten konnte, ohne den Ballsaal verlassen zu müssen. Ferner waren ringsherum sage und schreibe sieben Bühnen verschiedener Größe aufgebaut, auf denen teilweise bereits Instrumente bereitstanden. Das sah mir doch ganz nach Livemusik aus. Ich war gespannt. 

Das Ganze wurde durch gemütliche Sitzgruppen an vielerlei Stellen abgerundet.

Wir waren schon alle ein wenig aufgeregt, wie wir da so gemeinsam in gewaltiger Abendgarderobe in dem riesigen Ballsaal auf dem großen Podest standen. Außer mir, den Howling Shadows, Johnny Spinrad und SpArcade war bisher nur eine Horde Hotelpersonal hier, die mit beladenen Tabletts bewaffnet waren. 

Na gut, Johnny Spinrad war wahrscheinlich nicht aufgeregt, zumindest nicht so sehr wie wir. 

‹Du musst nicht aufgeregt sein, Drachenkätzchen. Sie werden dich alle bewundern, genieße es einfach und schau, wie es dir auf Dauer gefällt.›

„Hey!“, meinte Fang fröhlich, „Habt ihr Bock auf ein Spiel? Wer von uns die meisten Selfies mit Stars macht, hat gewonnen?“

Bevor jemand anderes antworten konnte, fauchte Liam: „Wehe, du machst hier beim Einlauf mit irgendwem ein Selfie!“

Fang wurde kleinlaut. „Na, dann vielleicht später.“

Ich grinste in mich hinein.

Bis auf Fierce trugen die O’Nialls heute alle einen Anzug in exakt demselben Grün. Die Anzüge waren ähnlich geschnitten. Nur das ‚Dazu‘ unterschied sich. Bubbles trug zu ihrem Hosenanzug zum Beispiel Plateau-Boots in pink und eine zartrosa Bluse. Sparkys Hemd war neongrün und die Bluse von Arcade neonorange. Irgendwie hatten sie es geschafft, dass die Farbkombination auffällig war, aber nicht in den Augen schmerzte. 

Übrigens hatten sie im Auftrag von Liam dem gesamten Team via AR ein blinkendes Kleeblatt angeheftet. 

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Ein Gong erklang.

Punkt acht Uhr öffneten sich die Türen und die Gäste traten durch drei Doppeltüren ein. Musik, wie man sie von den großen Fashion-Events her kannte, wurde über Lautsprecher eingespielt.

[Song 8: Lady Gaga - Poker Face3] Johnny Spinrad war nicht anzumerken, was er von dem ersten Gast hielt, der die Reihe anführte. Johnny schlug mit seinem Stab zwei mal auf den Boden. Dann verkündete er: „Tzar Sergei Byelmodin aus Wladiwostok und Alexander der Große.“ Johnnys Stimme wurde elektronisch verstärkt, sodass jeder hören konnte, wen er vorstellte.

Der Anblick des Russen erwärmte mein Herz. Im maßgeschneiderten schwarzen Anzug, weißen Hemd und blutroter Krawatte, einen Pelzmantel elegant über die Schultern gelegt, überbrückte mein alter Freund zügigen Schrittes die Entfernung bis zu unserer Seite. 

Seine rechte Hand, der auch für einen Ork große Mann Alexander, lief einige Schritte hinter ihm. Diese Position wirkte nicht abwertend, denn sein Gang war stolz. Sein Anzug war silbergrau, ebenfalls maßangefertigt und saß tadellos. 

Doch zurück zum Tzaren. Er wäre nicht er selbst gewesen, wäre es bei dem Pelzmantel oder den ausladenden Ringen an seinen Fingern geblieben. In seiner linken Hand hielt er gleich zwei Leinen, an denen je ein weißer Nerz lief. Die Tiere waren offensichtlich trainiert, denn sie blieben trotz der Metamenschen und ungewohnten Umgebung ruhig. Außerdem mussten es spezielle Züchtungen sein, denn der klassische strenge Geruch der Nerze fehlte. Sie rochen eher sauber und pudrig. Doch vielleicht konnte ich das auch nur nicht richtig wahrnehmen, denn meine Nase hatte mit den vielen Düften zu tun, die mit den Herren und Damen hereingeweht waren. Außerdem lenkten mich die wunderschönen Diamanthalsbänder ab, die die beiden Nerze trugen. 

Mein linkes Ohr zuckte. Schlagartig wurde mir klar, dass das keine Halsbänder für Nerze waren, sondern Armbänder für mich. 

Katze schnurrte. ‹Er hat Geschenke mitgebracht, Drachenkätzchen. Wie aufmerksam von ihm, an ihm sollen sich alle ein Beispiel nehmen. - Nur das Getier kann weggelassen werden.›

Sergei begrüßte Shark Finn mit Handschlag. Finn war der einzige, den Sergei näher kannte -  und dann kam er zu mir. 

„Prinzessin, wie schön du bist! Wie immer eine Freude für alle Augen.“ Eine russische Umarmung und drei Wangenküsse später überreichte er mir die beiden Leinen. Die Nerze waren tatsächlich trainiert. Sie kamen näher und schnupperten mit ihren kleinen Näschen, verhielten sich ansonsten aber ruhig. Nun, zumindest Jake würden die beiden Tiere freuen und bei ihm würden sie gut aufgehoben sein.

Ich dankte Sergei mit einem weiteren Wangenkuss und übergab die Nerze an Moxi.

Das war doch schon mal gut losgegangen.

Alexander begrüßte mich lächelnd. Auch Moxi bekam von ihm ein Lächeln und einen tragbaren Käfig, in den sich die Nerze gleich darauf freiwillig begaben. „Im Käfig ist eine Pflegeanleitung“, sagte Alexander ruhig. 

Moxi dankte ihm lächelnd.

Währenddessen war das nächste Paar angekommen. „Bull MacCallister und Tauren MacCallister.“

Die Anzüge waren vielleicht nicht maßgeschneidert, dennoch sahen die beiden extrem gut darin aus. Ich grinste in mich hinein, sie sahen gut aus … für Orks. Tauren zog so einige Blicke auf sich. Ihre Begrüßung fiel kurz und knapp aus, aber sie ließen es sich nicht nehmen, denen von uns einen guten Abend zu wünschen, die sie bereits kannten, was auch nicht sonderlich viele waren. 

Mir wurde eines klar: Shark Finn hätte es vorgezogen, in der zweiten Reihe zu stehen. Und hey, wir waren die Howling Shadows, warum sollte er sich unwohl fühlen. Ich zwinkerte ihm zu und neigte den Kopf leicht nach hinten. Er verstand, trat hinter mich und atmete auf.

Becky 99!“, sagte Johnny, als wäre 99 der normalste Nachname der Welt.

Die Chefin der Desolation Angels aus Chicago war allein gekommen und wow, was sah die Frau gut aus mit etwas Make-up und in einem schwarzgrünen, glitzernden Abendkleid.

Als ich den nächsten Ankömmling erkannte, lächelte ich erfreut. Was für eine Ehre. Ein honorig aussehenden Zwerg mit perfekt gestutztem, dunklem Bart in einem edlen Anzug. Das Grün des Anzuges war so dunkel, dass es fast schwarz wirkte. In die smaragdgrüne Krawatte war ein filigranes, goldenes Muster eingelassen und auch das helle Hemd wies einen goldenen Schimmer auf. Die menschliche Frau an seiner Seite trug ein sehr schlichtes und umso eleganteres burgunderrotes Abendkleid. Ihr schwarzes Haar glänzte seidig. 

„Professor Schwartzkopf und Tatjana Romanov“, verkündete Johnny Spinrad.

Ein Raunen ging durch die Reihen der Gäste, die noch auf ihre Vorstellung warteten und sich lose formiert hatten. Ich wusste genau, was sie dachten. Der Große Drache Schwartzkopf zeigte sich zwar auf der Universität, wurde aber selten auf Partys oder anderen Festivitäten gesehen. Bei der menschlichen Frau an seiner Seite handelte es sich um seine metamenschliche Stimme, also um die Frau, die für ihn sprach, wenn er in seiner wahren Gestalt eines Drachen unterwegs war.

Er kam direkt auf mich zugeschritten.

Ich konnte nicht anders, ich musste einen Hofknicks machen und mit gesenktem Kopf unten bleiben. Vielleicht hätte ich nicht so lange und tief geknickst, hätte ich ihn nicht schon allein wegen seines Wissen geschätzt oder wenn er nicht ein Zwerg gewesen wäre. Ich wollte ihn einfach nicht überragen.

‹Wie viel hübscher es gewesen wäre, wenn du jetzt ein Krönchen auf deinem Kopf getragen hättest, Drachenkätzchen›, kommentierte Katze und beäugte Schwartzkopf skeptisch.

Der Professor trat lächelnd an mich heran, fasste mich zart an der Wange, hob mein Kinn, damit ich ihn ansehen konnte und meinte: „Eine edle und perfekte Geste. Danke für die Einladung. Du siehst beeindruckend aus, Snowcat.“

Ich erhob mich.

Was für ein Kontrastprogramm. Als nächstes kam eine schlanke Elfe mit schwarzem, glattem Haar, die in hautenges schwarzes Leder und hohe schwarze Stiefel gekleidet war. Das neongrüne A auf ihrem Oberteil konnte man nicht übersehen. Wie ein Haustier führte sie einen elfischen Jüngling an der Leine hinter sich her. 

„Schattenengel, als Vertretung für die Ancients“, kündigte Johnny an. 

Green Lucifer hatte seine Einladung also an den Colonel von Osteuropa weitergegeben. Schattenengel hielt nichts von Regeln, denn eigentlich sollten Tanzanfragen erst nach dem Empfang versandt werden. Doch sie sandte schon jetzt einen schwarzen Schmetterling als Tanzanfrage an mich. Auch Sinister und Foggy erhielten einen Schmetterling. Ich für meine Teil nahm die Anfrage an, ließ den Schmetterling aber auf meiner virtuellen Blumenwiese flattern, da ich ihm noch keinen Tanz zuwies.

Roger Soaring Owl kam allein. Er bewegte sich gelassen, denn auf dem gesellschaftlichen Parkett kannte er sich aus.

Penelope Wang, die Orkfrau, die wir über Ehran kennengelernt hatten und die in Hong Kong auch für UC als Schieber gearbeitet hatte, trug ein blaues Seidenkleid, das mit Kranichen bemalt war. Mein Schwertmeister Tango lief an ihrer Seite. Als Echsenmensch konnte er nicht anders, als einen maßgeschneiderten Anzug zu tragen. Ein roter Gehrock mit goldener Stickerei am Revers, ein weißes Hemd mit Rüschenkragen und schwarze Stiefel mit klackenden Absätzen. Ich liebe seinen Stil. Ich begrüßte Tango mit Kuss und Umarmung. Es sollte ruhig jeder sehen, dass er mir wichtig war. 

Urplötzlich dröhnte Motorengeheul durch den Saal. Eine große Rauchwolke hatte sich gebildet und bewegte sich direkt auf uns zu. Niemand wirkte in irgendeiner Form angespannt, alle waren neugierig. Allerdings war Shark Finn einen Schritt dichter an mich herangetreten. Die Motoren heulten noch einmal auf, dann verpuffte die Wolke und sechs in leuchtende Anzüge und seidene Hemden gekleidete Asiaten standen direkt vor uns. 

Fierce johlte laut, denn sie hatte auch ohne die Ansage von Johnny erkannt, dass dort fünf Hong Kong Cavaliers standen. Fierce hatte schon öfter gegen sie gespielt.

Bei dem sechsten Asiaten in deren Mitte handelte es sich um Qi 4 Money

Die fünf jungen attraktiven Combat Biker, übrigens drei Menschen, ein Elf und ein Ork, rannten von links und rechts unsere Reihe entlang und klatschten jeden Howling Shadow ab. Sie endeten bei mir und überreichten mit je eine zartrosa Orchidee.  

Als nächstes kamen die Quints an die Reihe. Sie legten einen ganz großen Auftritt hin. Jedes der Mädchen hatte offenbar schon vorher gewusst, wen es persönlich begrüßen wollte. Sie teilten sich auf und wechselten hier und da ein paar Worte. Es war egal, ob das die Nachfolgenden aufhielt. Wie selbstverständlich kam jedes Mädchen bei mir vorbei und ich zog für jede eine kleine Origamifigur in ihrer Lieblingsfarbe aus dem Handschuh. 

Rogue Six und Dobs.“

Die so unterschiedlichen Rigger waren beide ohne Begleitung erschienen und hatten sich spontan zusammengetan. 

Genauso wie der Ork Eddy Kosky, der die Zwergin Eliza Bloom an seiner Seite hatte. Ungleicher konnte ein Paar kaum sein. Ein alter Ork und Clubbesitzer des Crusher 495 in einem guten, aber nicht mehr ganz so aktuellen Anzug und die Zwergin und Politikerin in einem State-of-the Art-Abendkleid. Dennoch hatten die zwei mehr gemeinsam, als man hier so auf den ersten Blick vermuten konnte. 

Den beiden folgten Nethertalk und Hellboy. Der Oni - eine Subspecies eines Orks - war allein wegen seiner roten Haut ein spektakulärer Anblick. Auch ihre Anzüge waren nicht aus dieser Saison. Doch darauf kam es beim Jägerball ja auch nicht an. 

Das, was Zachary Swift trug, war dann wieder maßgeschneidert, kam nie aus der Mode und war garantiert erst für diesen Anlass angefertigt worden. Er und seine schöne, ebenfalls menschliche Begleitung Amanda waren ganz in Stil der Luftpiraten gekleidet. Hohe Stiefel, etwas Steampunk, jede Menge Extravaganz und ein Hauch Glitzer.

[Song 9: Yeah Yeah Yeahs - Kiss Kiss3] Meine Freude war groß, als Johnny jemanden ansagte, mit dem ich partout nicht gerechnet hatte. 

Wie auch, die Einladung war eine von denen, die Johnny ausgesprochen hatte. Über Moxi hätte ich wahrscheinlich Einblick in die gesamte Gästeliste haben können, doch ich hatte mich wie gesagt überraschen lassen wollen und mich nicht einmal spoilern lassen. 

„Kat O’Nine Tales, Tommy Dugger, Adrian Bold, Gabriel Handen und Steve Bradley.“ 

Die berühmte Kat hatte gleich ihre gesamte Band Grim Aurora mitgebracht.  

Kat und ihre Jungs sagten ebenfalls mehreren von uns Guten Tag und sprachen sie sogar auf die eine oder andere Szene aus der ersten Staffel an. Kat kam zu mir und meinte: „Schön, dich endlich kennenzulernen, Snowcat.“ Sie zwinkerte mir zu. „Wir freuen uns übrigens auch auf die Gelegenheit, heute hier spielen zu können.“

„Ich freue mich auch, dich kennenzulernen. Ich habe schon so viel über dich gehört. Eure Songs kenne ich natürlich. Und dass ihr hier spielen werdet, ist einfach großartig.“

Tatsächlich wurden einige Songstellen auf meiner Tanzkarte nun mit Titeln von Grim Aurora aufgefüllt. Unglaublich, wir würden zur Musik einer der angesagtesten Bands tanzen. Auf unserem Jägerball. 

Auch Fang war ganz aus dem Häuschen. „Ich kenn den Großteil der Leute nicht mal, die herkommen. Aber sie alle kennen mich! Das ist so abgefahren!“

Der nächste in der Runde schenkte Iron Horse ganz besondere Aufmerksamkeit, denn er war dessen Bruder Mika.

Ein distinguiert aussehender, menschlicher Mann, mit graumeliertem Haar lächelte leicht, als er sich unserem Podest näherte. Ich hatte Fianchetto, Runnerlegende, Kenner der High Society, Jackpointer und Spion, selbst eingeladen und freute mich sehr, dass er sich die Gelegenheit, zu kommen, nicht hatte entgehen lassen. 

Ein attraktiver Elf mit scharfen Gesichtszügen und in einem messerscharf geschnittenem Anzug begleitete ihn. 

Sinister streckte sich und nahm den attraktiven Elfen in Augenschein. 

„Fianchetto und Thorn“, gab Johnny Spinrad bekannt. 

Wow, das war also Thorn. Von dieser Straßenlegende hatte ich ebenfalls bereits gehört. Ich hatte sogar schon einmal mit ihm in JackPoint gechattet. Sein Portfolio umfasste ebenfalls die Schlagworte Straßenlegende, Runner, Jackpointer und Spion. Doch er war zudem noch ein Assassine und galt als hochgefährlich. Sein gutes Aussehen hatte man mir aber verschwiegen.

Sinister bewegte sich ein wenig mehr auf die Mitte zu, um Thorn besser sehen zu können. 

Liam, der die ganze Zeit über links neben mir gestanden hatte, meinte zu ihr: „Vergiss den, Sinister, der ist 'ne Ecke zu scharf für dich!“

Enttäuschung zeichnete sich auf dem Gesicht der schönen Elfe ab. Doch sie nickte Liam zu und blieb, wo sie war. 

Fianchetto hatte einen Handkuss und mehrere Komplimente für mich. 

Thorn warf einen eher unfreundlichen Seitenblick auf Sinister, worauf Liam ihm in irischem Gälisch zurief: „Keine Spielchen, die gehört zum Team, und halte ihr nicht ihre Vergangenheit vor!“

Interessant, Liam kannte Thorn offenbar. 

Mich lächelte Thorn an und gratulierte mir zu dieser außergewöhnlichen Veranstaltung. Wobei ich ziemlich sicher war, dass er sowohl den Ball als auch die Trideo-Serie meinte und dass Spott und Bewunderung zugleich in seinen Worten mitgeklungen hatte. 

Dann waren Wingman aus Chicago und seine Begleitung an der Reihe, von uns begrüßt zu werden.

Beim nächsten Ankömmling handelte es sich um Dante Passini, den sagenumwobenen Besitzer von Dante's Inferno. Er war in Begleitung einer Nocturna, einer Dunkelelfe mit samtig-schönem Fell, gekommen, die sich als Nyssa Hallas, die neue Besitzerin des Club Penumbra, entpuppte.

Auch Sal Fortuneshocker gab uns die Ehre, und selbstverständlich kam er mit Trouble. Beide hatten darauf verzichtet, eine andere Begleitung mitzubringen.

Ryan Mercury war meiner Einladung ebenfalls gefolgt und er hatte natürlich seine Freundin Azadey mitgebracht.

Navy Commodore Asher, dem ich in New Orleans meine Einladung überreicht hatte, war ebenfalls gekommen. An seiner Seite fand sich der XO Colonel Andrea Faulkner. Beide in Galauniform, er in einer der Navy, sie in einer der Marines.

Wo ich gerade beim Militär war, Major Jason McCord, der Anführer der Bravo Company, trug auch seine Galauniform. 

Heart Attack, der elfische Sanitäter, trug stattdessen einen feminin geschnittenen Hosenanzug in dunkelrot und mit silbernen Nadelstreifen. Was Make-up anging, würde so manche Frau noch etwas von ihm lernen können. 

Als „Captain Alexander Tintagel … “, angesagt wurde, kontrollierte Liam demonstrativ sein Equipment und stockte gleich darauf, um Tiernan beschwichtigend die Hand auf die Schulter zu legen.

„ … und Felicia McGuinness.“ 

Thorn bedachte die Elitekillerin aus Tír na nÔg mit einem Lächeln, welches sämtlichen Kaffee in Bechern gefrieren lassen hätte können, wenn wir denn welchen serviert hätten. 

Hätte ich mir etwas anmerken lassen, hätte es von mir nur einen interessierten Blick gegeben. Die beiden neu angekommenen Elfen schienen stärker verbandelt zu sein als ich gedacht hätte. Tintagel begrüßte mich kühl. Er war offenbar nicht gekommen, um mich wiederzusehen. Ich mochte ihn oder hatte ihn zumindest gemocht. Inzwischen war auch mein Mögen abgekühlt.

Da wandte ich mich doch lieber schnell dem Paar zu, das als nächstes an der Reihe war.

„Ehran the Scribe und Jane Foster“, die beiden sah man ziemlich oft zusammen. Ihre Körpersprache zeugte jedoch deutlich mehr von Freundschaft als von intimer Beziehung. Ein Paar zu sein schwang genau genommen gar nicht mit. Ich hatte Frosty schon lange nicht mehr gesehen und hoffte sehr, wir würden nachher Zeit für ein Pläuschchen haben.

Mein Mentor Ehran war unglaublich charmant und er hatte auch für so einige meiner Kollegen ein paar freundliche Worte übrig. Ich bekam von ihm gleich mehrere Komplimente, und wie immer fuhr ich total darauf ab.

Als Damien Knight angekündigt wurde, freute ich mich ebenfalls, allerdings auf eine völlig andere Weise. Ich hatte den Konzernchef von Ares schon lange einmal kennenlernen wollen. Bisher hatte ich ihn allerdings nur von weitem gesehen. Selbstverständlich sagte die kurze Begrüßung noch nicht sonderlich viel aus. Auf dem gesellschaftlichen Parkett konnten sich solche Männer selbstverständlich ausgezeichnet bewegen.

Es folgten so einige berühmte und besonders reiche oder zumindest angesehen Mitglieder der Grand Tour. Grand Tour nannte sich die gesellschaftlichen Veranstaltungsreise, die das Who is Who der High Society im Jahresablauf absolvierte, um zu tratschen, zu feiern und um Geschäfte abzuschließen. 

Eine von ihnen war Lady Marie-Claire D’Orleon, eine französische Adlige, die mir besonders auffiel, weil sie ein entzückendes Diadem auf dem Haupt trug. 

‹Krönchen sind eben etwas Feines, oder Drachenkätzchen?›, kommentierte Katze.

Dank der Informationen, die Moxi mir aufs Commlink schickte, war ich auch immer dann mit ausreichend Informationen zu einer Person versorgt, wenn ich noch nicht einmal von ihr gehört hatte.

Den distinguierten Mr. Grey, der einige Gäste später angesagt wurde, kannte ich bereits. Ich hatte ihn selbst eingeladen. Allerdings überraschte mich, wen er als seine +1 mitgebracht hatte. 

Es war keine geringere als Claudia Romanov. Zunächst einmal war ich froh, dass Johnny Spinrad sie trotz ihrer gemeinsamen Vergangenheit vorstellte wie jede andere Person auch. Johnny war eben ein Profi. Ich wusste nicht, wie oft sich die beiden auf der Grand Tour trafen. Vielleicht waren sie bereits daran gewöhnt, sich zu begegnen. Claudia Romanov ist nicht nur die Frau, die für die Auflösung der Verlobung von Johnny und Prinzessin Caroline von England gesorgt hat, sondern auch die, von der die Initialidee mit der Grand Tour überhaupt stammte. Außerdem soll sie eine der besten Spioninnen des Großen Drachen Lofwyr sein. 

‹Völlig unvoreingenommen kann ich sagen, dass du deutlich schöner bist, Drachenkätzchen. Dieser Romanov fehlt der Glanz. Und ein Krönchen, auf dass du neidisch sein kannst, hat sie auch nicht›, meinte Katze, was mir ein Schmunzeln entlockte.

Nein, mit Claudia hatte ich nicht gerechnet, und auch nicht damit, dass Mr. Grey mir ein Geschenk überreichte. Mir war sofort klar, dass das Geschenk nicht seine Idee gewesen war. Er wirkte jedenfalls so, als wäre ihm die Tatsache unangenehm, mir eines zu überreichen. Fast glaubte ich, er würde sich entschuldigen. „Mit den besten Empfehlungen!“, sagte er stattdessen nur.

Es gehörte sich so, dass ich das wundervoll, mit einem barocken Muster filigran verzierte Holzkätzchen öffnete und das Geschenk darin ausreichend bewunderte. 

Darin befanden sich zwölf wunderschöne, extravagante Stofftaschentücher mit Spitze. Sie sahen antik aus, waren aber sehr gut erhalten. Das Geschenk war einfach perfekt, was ich mit charmanten Worten auch genau so ausdrückte.  

Mit diesen Taschentüchern würde ich etwas ganz besonders in meiner Handtasche mit mir herumtragen. Im Deckel des Kästchens war das Zeichen von Lofwyr gülden eingelassen. Selbstverständlich stellte sich jetzt die Frage, woher in aller Welt der Große Drache Lofwyr - oder einer seiner Schergen - wusste, dass Stofftaschentücher ein passendes Geschenk waren. Bisher war noch keine Folge der zweiten Staffel gestreamt worden. Ich war überhaupt erst kurz vor Chicago auf die Idee mit Taschentüchern und Fächern gekommen. Wir, allen voran Moxi, hatten die Matrix nach alten Taschentüchern und Fächern durchsucht und sie bestellt oder ersteigert. Doch konnte er das wissen? Oder war es nur eine Vermutung? Schätzte es mich so ein, dass ich so etwas sammelte? Ließ er mich oder mein Tun beobachten? Eigentlich unglaublich, dass der Große Drache Lofwyr überhaupt einen Gedanken an mich verschenkte. War das meiner Nähe zu Spinrad geschuldet? 

Hach, Fragen über Fragen.

[Song 10: Soho Dolls - The Rest For The Wiked3]‹Das ist schon das zweite Geschenk von Lofwyr›, stellte Katze fest.

‹Ja, und es ist wieder ein so wunderschönes Geschenk. Glaubst du, ich muss mir Sorgen machen?›

‹Wenn es ein Krönchen gewesen wäre, dann vielleicht, Drachenkätzchen. Aber so nicht. Noch nicht!›.

‹Ich befürchte, es wird Ehran nicht freuen, Katze. Aber mich freut es! › 

‹Du bist ja auch ein Drachenkätzchen, Drachenkätzchen! Egal, wie gefährlich es auch immer sei, insgeheim liebst du es, wenn Drachen wissen, wer du bist. Vielleicht wächst sich das noch raus. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.›

Mein Hals war irgendwie trocken, offenbar brauchte ich dringend ein Glas Champagner.

„Cecilia Medici.“ - Ich lobte den kunstvollen Art-Deco-Schmuck, selbstverständlich auf Italienisch.

„Lady Rhiannon Glendower, Königin von Wales.“ - Ich knickste wohlerzogen, doch nicht so tief als wäre sie ein Großer Drache. Mir gelangen ein paar höfliche Bemerkungen auf Walisisch, dabei entschuldigte ich mich für meinen schottischen Akzent. Was uns zu einer kurzen Unterhaltung über Schottland und Wales führte und mir eine Einladung nach Wales einbrachte. Durch eine Königin eingeladen worden zu sein, das klingt irgendwie bedeutend. 

‹Was für eine schöne Frau … - für einen Menschen, findest du nicht, Katze?›

‹Sie ist eine Königin und trägt kein Krönchen, Drachenkätzchen. Wie dumm von ihr! Wahrscheinlich steht es ihr nicht so, wie es dir stehen würde.›

„Danille de la Mar.“ - Ich verkniff mir gegenüber der menschlichen Frau jedwede Bemerkung über die Sicherheit der Matrix. Immerhin war sie eine, wenn nicht sogar die treibende Kraft bei der Einführung der neuen Matrixprotokolle gewesen. Stattdessen erwähnte ich das letzte Interview, welches sie vor einigen Tagen gegeben hatte.

„Svetlana Jurjewa.“ - Die junge, menschliche Urban-Brawl-Spielerin kam in einem Kleid, über das sie eine enge Lederjacke gezogen hatte. Als die Spielerin der Centurios Essen, eines Saeder-Krupp-Teams, an Johnny Spinrad vorbeikam, riss sie wie beim Svetting ihre Jacke auf. Sie grinste breit. Darunter war sie angezogen. Das Manöver, jemanden aus dem gegnerischen Team abzulenken, indem man etwas von sich entblößt, wurde von ihr entwickelt und ihr zu Ehren Svetting genannt. Svetlana ist berühmt dafür. Doch ich gab gerne zu, dass sie das Manöver drauf hatte. Auch ihr persönlich gegenüber. Als sie mich begrüßte, bekam ich die Gelegenheit dazu. Sie bot an, mir oder einer der anderen Damen Unterricht im Svetting zu erteilen.

Fierce und Bloody Guts freuten sich sehr, dass weitere prominente Sportler unter den Gästen waren und uns noch vorgestellt wurden. Ich würde irgendwann auf dem Ball jeden Sportler aufsuchen und ausplaudern, was für ein Sportfan Bloody Guts war.

„Arete von der Seers Guild.“ - Der in Tir na nÔg geborene Elf lebte aktuell in Athen. Noch ein JackPointer. Mit Frosty, Bull, Thorn und Fianchetto war der JackPoint hier ziemlich stark vertreten.

Die nächsten beiden Gäste ließen mich vergessen, dass ich mir eigentlich ein Glas Champagner hatte reichen lassen wollen. Obwohl ich meinen Fächer fleißig nutzte, hatte ich von den vielen kleinen Wortwechseln eine trockene Kehle bekommen. 

Doch nun kam der Boss von Horizon, Gary Cline. Im Gegensatz zu Damian Knight, den ich auf metamenschlicher Ebene unsympathisch fand, versprach ich mir von dem Ork viel. 

Ich wurde nicht enttäuscht, wie ich schon bei der Begrüßung feststellte. Er nahm sich für einige von uns Zeit. Ich würde ihm mehr als nur einen Tanz reservieren. 

Die berühmte Sängerin Deirdre aus Tir Tairngire begleitete ihn. Gerüchteweise war sie eine Tochter von Lugh Surehand. Ihre wunderschöne Musik soll von Skripten inspiriert sein, die Jahrtausende alt sind. Im Moment interessierte mich das deutlich weniger als die Tatsache, dass sich weitere Songs auf der Tanzkarte füllten. Auch Deirdre würde heute Nacht spielen. Wow.

Und sie war nicht der letzte Star, der das tun würde.

CrimeTime, der Ork-Rapper, der als erster auf Or’zet gerappt und die Sprache so in die Musikszene eingeführt hatte, der aus St. Petersburg stammte, dem man nachsagte, er sei Runner für die Vory und den ich schon von früheren Gelegenheiten her kannte, würde nämlich auch auftreten. Wie immer ließ er seinen nicht unerheblichen Charme aufblitzen, als er mir gegenüberstand. 

Dann war da Orxanne, die unglaublich attraktive Ork-Frau, die rockte und rappte und die Millionen mit ihrer Musik gemacht hatte. Sie freute sich, mich kennenzulernen und versprach mir eine besondere Überraschung und eine Premiere für einen ihrer Auftritte. Dass sie da war, würde übrigens auch Harlequin freuen.

Die Rockmusik-Legende Maria Mercurial stand ebenfalls auf der Gästeliste und wurde uns vorgestellt. Die Frau hatte bereits 2048 Karriere im Musikgeschäft gemacht, war lange von der Bildfläche verschwunden gewesen und hatte 2072 ihr Comeback gefeiert. Offenbar schien sie Liam zu kennen, denn sie freute sich, ihn wiederzusehen, wie sie erklärte. 

Auch Jack Diamond, Alice, Rocko und Durate, besser bekannt als die ‚Wild Cards‘, waren gekommen. Über sie gab es ebenfalls Gerüchte, sie könnten Shadowrunner sein. Etwas, was ich vielleicht noch rausbekommen würde, denn ich würde mich sicher näher mit ihnen befassen. Ich liebte ihre Musik schon länger. Mein jüngeres Ich kreischte vor Freude. 

Damit war immer noch nicht genug, denn ‚Thunder and the Prairie Cats‘, eine Band aus den NAN, in der alle Musiker Zentauren waren, erschien ebenso, wie Ar Cánan, eine gälische Band, ausschließlich Pixies, die auch noch aus Tír na nÔg stammte. 

Allein, um eine der Bands live spielen zu sehen, würde man normalerweise so einige Nu¥ auf den Tisch legen müssen. 

Unglaublich, dass wir sie heute alle live hören und sogar zu ihrer Musik tanzen würden. 

Lugh Surehand.“ 

Augenblicklich kam Bewegung in die Howling Shadows. Dicht um mich herum bildete sich eine grüne Wand, bestehend aus Shark Finn, Tiernan und Liam. Nur einen Augenblick später kamen Fierce, SpArcade und Bubbles dazu. 

Liams Blick hatte sich verfinstert. Vielleicht war es keine so gute Idee gewesen, den Ex-Prinzen einzuladen. Auch Tintagel hatte Liam nicht gerade erfreut, aber beim Anblick von Surehand schien er regelrecht sauer zu werden. Ehrlich gesagt hatte ich mir über die Einladung an Lugh genau so wenig Gedanken gemacht wie über die an Green Lucifer. Ich hatte nur gemeint, wenn ich all die anderen einlade, dann gehört es sich so, diese auch einzuladen. Dabei konnte ich es mir inzwischen eigentlich leisten, über solchen Dingen wie ‚so gehört es sich‘ zu stehen. 

‹Ich denke, du wolltest auch deinen Charme ausprobieren, Drachenkätzchen.›

Surehand lächelte jedenfalls breit. Er hatte mich noch nicht ganz erreicht, als wie aus dem Nichts ein Mann, genauer gesagt ein Elf, in einem außerordentlich gut sitzenden Smoking und einem weißen Hemd, mit weiß geschminktem Gesicht und nicht ganz so zum Smoking passenden Cowboystiefeln aus Schlangenleder hinter ihm auftauchte. 

Ich schmunzelte kurz. 

Harlequin griff hinter das Ohr von Surehand. 

Dieser hatte ihn zuvor nicht bemerkt, zuckte zurück und wedelte dann mit den Armen, so als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen. 

Harlequin rief: „Guck mal, eine Taube!“ Tatsächlich hielt er eine Taube in beiden Händen. Er ließ das Tier frei, woraufhin es in Richtung Decke des Ballsaales flatterte. „Was du so alles rein bringst.“

Surehand rang für Bruchteile von Sekunden um Fassung, atmete tief durch und setzte dann sogleich wieder ein Lächeln auf. Den O’Niall-Clan in meiner Nähe ignorierte er, so gut es eben ging. Er gratulierte mir zur Gestaltung des Festes und fand auch noch das eine oder andere Kompliment.  

„Niall O’Co …“

Sparky und Arcade verloren die Contenance und riefen, nein kreischten fast und wie immer unisono: „Onkel Marty!“ Dann liefen sie los, um den Neuankömmling unstandesgemäß zu umarmen. Was ihnen einen rügenden Blick von Liam einbrachte, wie die Zwillinge kurz darauf entsetzt feststellten.

„ … nnor, als offizieller Repräsentant des Seelie Court!“ 

Felicia McGuinness blickte überrascht auf. 

Auch ich war verwundert. Der ominöse, mystische, legendäre Seelie-Court schickte einen offiziellen Repräsentanten auf den Jägerball? Und dann auch noch keinen Geringeren als Niall O’Connor, der mir nur als Martin O’Niall oder Onkel Marty bekannt war, und der nach meiner ersten Verwandlung in Drake-Gestalt einen Großen Drachen gerufen hatte, der mir die Rückverwandlung beibringen hatte können. 

Niall O’Conner zwinkerte den anderen im Vorbeigehen zu, verbeugte sich vor mir und meinte: „Ich gratuliere deinem Kleid zum außerordentlichen Glück von dir getragen zu werden und auf diese Art für lange Zeit in Erinnerung zu bleiben.“ Dann grinste er und sah in die Richtung, in der Harlequin gerade stand, „Der Hofnarr ist auch da. Ich bin begeistert! Ich hoffe, es wird aufregend. Mit Tintagel und Surehand sind ja auch genügend Spielkameraden da, da kann der Abend ja nur toll werden.“

Harlequin verbeugte sich und wollte etwas erwidern, doch Ehran kam ihm zuvor. „Streitet euch doch nicht schon am Anfang, Kinder.“

Worauf Harlequin sich nun vor Ehran verbeugte, zu mir schlitterte, mir zuzwinkerte, mir eine weiße Rose überreichte, davonwuselte und sich unter die anderen Gäste mischte, ohne namentlich vorgestellt worden zu sein. 

Frosty war in unserer Nähe geblieben und meinte lachend: „Ihr mögt es aber auch explosiv.“ Dann rief sie: „McGuinness ist 'ne Überraschung, oder, Liam?“ 

Womit sie mir einen deutlichen Hinweis darauf gab, was ich von der Anwesenheit der Tír-na-nÔg -Elfe zu halten hatte. Mir Luft zufächernd, damit man mir die Worte nicht von den Lippen ablesen konnte, raunte ich mehr zu mir selbst: „Eine Überraschung, die ich im Auge behalten werde.“

Fianchetto nahm aus der Reihe der bereits Vorgestellten Blickkontakt mit mir auf. Er deutete auf einen imaginären Fächer in seiner Hand und nickte dann anerkennend. 

Ich neigte den Kopf leicht. Man konnte also wirklich nicht ablesen, was ich sagte. 

Es folgten weitere große Namen aus Sport, Konzernwelt und High Society, die sich ganz hervorragend auf der Gästeliste machten, doch ich würde heute Nacht nicht für jeden von ihnen persönlich Zeit aufwenden können und würde Prioritäten setzen müssen. 

Die Zwillinge hatte sich den rügenden Blick des Oheims übrigens zu Herzen genommen. Von den folgenden Gästen wurde immer mal wieder jemand von ihnen mit einem ‚Onkel Marty‘- Schrei begrüßt. Unabhängig von Rasse, Geschlecht oder gesellschaftlicher Position.

Überraschenderweise verließ keiner der Anwesenden den Ballsaal, nachdem er vorgestellt worden war. Alle genossen diese altertümliche Art des Schaulaufens und Vorgestellt-Werdens. Man tuschelte darüber, wer mit wem gekommen war, konnte darüber lästern, was man noch gehört hatte oder sich über ein Outfit austauschen. 

Als alle Gäste angekommen waren, begaben sich Kat O’Nine Tales und Grim Aurora auf eine der kleinen Bühnen und begannen zu spielen.

[Song 11: The Pierces - It was you3] Johnny reichte mir die Hand, denn selbstverständlich würde ich mit ihm den Ball eröffnen. Das war sein Hotel und SatHS lief unter seinem Label.

Das gespielte Lied erkannte ich zunächst gar nicht. Grim Aurora hatten offenbar eigens für diesen Abend eine ‚Langsamer Walzer-Version‘ eines ihrer Top-Hits arrangiert. 

Kaum war der Ball mit unseren ersten Schritten offiziell eröffnet, stoben virtuelle Schmetterlinge in den AR-Himmel. Tanzanfragen flatterten hin und er. Die Tanzflache füllte sich mit weiteren Paaren. Einige hatten offenbar noch nie einen Walzer getanzt und dennoch machten sie mit. Wie zum Beispiel Sparky und Arcade, die lachend den virtuellen Instructor nutzen.

Andere konnten den Tanz entweder bereits oder hatten ihn extra vorher geübt, wie Mr. Tea und Red Velvet, die ein ganz wunderhübsches Paar abgaben. 

Nach und nach war jeder im Saal von virtuellen Schmetterlingen umgeben. 

Selbst jemand wie Thorn verschickte Schmetterlinge. Zumindest bekamen Sinister, Moxi, Red Velvet und ich eine Tanzanfrage von ihm. Ich für meinen Teil nahm sie nur allzu gerne an. Sinister war es sicher auch eine Freude.

Die Gäste des Jägerballes waren davon ebenso entzückt wie von den kleinen Lichtern in den Ästen und Blumen, mit denen Ballsaal, Terrasse und Garten geschmückt waren. Zudem hatten wir überall im Garten Plastikkugeln mit Snacks und Süßigkeiten auf Augenhöhe aufhängen und an vielen Orten Tische mit kleinen Themenbuffets aufstellen lassen. Man sollte den Jägerball mit allen Sinnen entdecken können. 

Darum gab es in einem Raum auch eine Art Parcours, bei dem man sich die Augen verbinden lassen und Dinge fühlen und schmecken konnte. 

Jedenfalls startete der Ball außerordentlich gut. Die Kombination von alt, märchenhaft und neu schien ganz hervorragend zu funktionieren. Vielleicht ließ sich das im nächsten Jahr noch weiter ausbauen.

❄️

Ich hatte den ersten Tanz mit Surehand relativ weit nach vorne auf meinen Tanzfächer gelegt. Als dieser Tanz an die Reihe kam, tanzte keiner der O’Nialls. Eine grüne Wand tauchte überall auf, wo wir uns bewegten.

Mehr aus den Augenwinkeln registrierte ich, dass Fang und Rubber Duck sich ebenfalls zu den O’Nialls gestellt hatten. Sie machten mit, auch wenn sie offenbar nicht wussten, worum es dabei ging. 

Surehand war erfahren genug und ließ sich davon nicht wirklich stören. Er flirtete mit mir, sogar mehr, als er es je zuvor getan hatte. Ich reagierte mit Charme, jedoch ohne den Flirt weiter voranzutreiben. Surehand war ein ausgesprochen guter Tänzer und ja, er hatte Ausstrahlung. Dennoch fand ich ihn heute weitaus weniger beeindruckend als noch bei unserem letzten Treffen. Doch das ließ ich mir nicht anmerken. 

Wie auch immer, weitere Anfragen von ihm erhielt ich nicht. Allerdings war ich mir nicht ganz sicher, ob er nicht noch weitere geschickt hatte, die mich nie erreichten. 

Als ich mit Alexander Tintagel tanzte, bot sich ein ähnliches grünes Bild, wohin wir auch tanzten. Tintagel störte es weitaus mehr, doch er schaffte es, das zu überspielen, indem er sich auf mich konzentrierte. 

„Teilen sich deine schöne Begleitung und du ein Zimmer?“, fragte ich unverblümt.

Ich erwischte Tintagel kalt, er zögerte kurz und erwiderte dann: „Wir haben eine Suite!“ 

Ich freute mich. „Oh, wie schön. Ich meine, dass ihr gemeinsam hier seid. Natürlich ist es eine Suite. Ich glaube, Zimmer hat das Hotel gar nicht, jedenfalls nicht besonders viele. Ist das nicht eine berauschende Ballnacht?“ Ich lehnte mich für einen Augenblick fester gegen seinen Arm und seufzte zufrieden. „Niemand sollte nach einer solchen Nacht allein in sein Zimmer müssen!“

Alexander Tintagel nickte nachdenklich. 

❄️

Ja, bei der Tintagel/Surehand-Fraktion hatte ich mich deutlich zurückgehalten. Nicht so bei Gary Cline. Bei dem Konzernchef von Horizon fuhr ich eine große Charmeoffensive. Als seine Anfrage gekommen war, hatte ich sofort die drei folgenden Tänze blockiert, denn ich beabsichtigte nicht, ihn nach einem Tanz von der Fläche zu lassen, egal wie viele Schmetterlinge noch um mich herumwuselten. 

Gary Cline hatte von ganz allein nicht die Absicht, nur einen Tanz mit mir zu tanzen. Erst nach vier Songs verließen wir die Tanzfläche und dann tranken wir noch ein Glas Champagner zusammen. Wir sprachen über Musik und Kunst, über Hollywood und Horizon. Er bedauerte ein wenig, dass ich bei Spinrad unter Vertrag war - und selbstverständlich wusste er, dass ich einen PiTo-Account besaß. Er zog sein Commlink raus und meinte; „Bevor ich dich schweren Herzens euren anderen Gästen überlasse, würde ich gerne noch ein Foto mit dir machen.“ 

Ich lächelte. „Aber gerne doch!“

Er legte den Arm um mich und machte ein Selfie von uns beiden. Das Bild lud er augenblicklich auf PiTo hoch, und dann markierte er mich als Freund. 

Mein C-Rating wurde im selben Moment auf 1 katapultiert. Nur Sekunden später teilte Moxi mir mit, dass mein S-Rating einen weiteren Schub erhalten hatte, und der war noch mal um einiges höher als der Anstieg von heute Nachmittag, als die Quints Fotos von mir veröffentlicht hatten.

Der Abend lief wirklich in vielerlei Hinsicht großartig. 

Ich plauderte, trank, aß und tanzte. Zum Glück hielt Moxi Ersatzschuhe für mich bereit. 

Alle amüsierten sich - und die Livemusik war wirklich unglaublich. 

Alle 20 Minuten wechselte die Band. Sie rotierten, und da mehrere Bands anwesend waren, würde jeder Musiker ausreichend Zeit haben, um selbst zu feiern.

❄️

Plötzlich wurden Stimmen laut. 

Moment mal, das waren doch Harlequin und Tango. Wie viele andere ging ich los, um mir das genauer anzusehen.

„Für diese Beleidigung verlange ich Satisfaktion!“, rief Tango und er klang ungehalten.

„Mit Waffen oder Worten?“, wollte Harlequin wissen. Dann lachte er dreckig. „Vergesst es, ich sehe, Ihr seid in beiden Fällen minderbemittelt.“

Tango hatte sich abwenden wollen, doch nun drehte er sich um und meinte zornig: „Das geht zu weit! Ich bevorzuge Klingenwaffen!“ 

Jetzt, da ich näher dran war, war mir klar, dass es sich um gespielten Zorn handelte. Ich atmete durch und genoss das Schauspiel.

Harlequin streckte Tango die Zunge raus. Ein Halbkreis hatte sich um die beiden Streitenden gebildet. Shark Finn trat daraus hervor, griff unter sein Jackett, zog zwei Rapiere heraus und warf sie den beiden zu. 

„Spielt, Kapellmeister, etwas mit Tempo wäre gut!“, bat Harlequin fröhlich und stellte sich in Kampfhaltung auf.

Die Wild Cards waren höchstwahrscheinlich eingeweiht, vielleicht verstanden sie aber auch nur, zu improvisieren, denn sie spielten.

[Song 12: Skyclad - Parliament of Fools3] Harlequin griff an und Tango parierte. Die beiden hatten in den letzten Monaten viel gemeinsam trainiert, besonders immer dann, wenn ich bei Ehran gewesen war. Die Klingen wirbelten nur so herum, und die zwei schafften es sogar, sie im Takt der Musik aneinander schlagen zu lassen. 

Vorstoß, Parade, Ausfallschritt. 

Sie umkreisten sich und duellierten sich dabei auch verbal, was viele zum Lachen brachte. 

Mit Tempo und dem einen oder anderen Augenzwinkern bewegten sich inmitten eines Kreises aus Gästen. Inzwischen sahen so gut wie alle zu. 

Die beiden waren wahre Meister, und wir bekamen eine Choreografie zu sehen, deren Ausführung von einer solch hohen Qualität war, dass man es nicht glauben konnte. Ich hatte gewusst, dass sie gut waren, aber dass sie so gut waren, beeindruckte mich immer wieder. 

Sagte ich eben Choreografie? Das war natürlich falsch. Was die beiden da zeigten, war kein eingeübter und trainierter Showkampf, das war pure Fechtkunst in höchster Qualität.

„Ich kann dieses Unglück ja gar nicht weiter ansehen“, rief Ehran irgendwann und ließ sich seinerseits ein Rapier von Liam zuwerfen. 

Und dann kämpften sie zu dritt. Ich sah ihnen wie gebannt zu. 

Wow, mein geschätzter Mentor war Harlequin und Tango ebenbürtig, wenn nicht sogar einen Hauch überlegen. Ich staunte nicht schlecht. Das erklärte natürlich auch, warum Ehran so drauf gedrängt hatte, meine Fähigkeiten im Schwertkampf weiter auszubilden.

Die Haltung meines Mentors war gerader und eleganter als die eher lässige Haltung von Harlequin oder als die Akrobatik von Tango. Doch er war gut. 

Sie erhöhten den Schwierigkeitsgrad sogar noch. Tango zog ein Messer und führte es mit dem Echsenschwanz, Ehran legte einen Arm hinten auf seinen Rücken und Harlequin trank zwischendurch aus einer Flasche Champagner. 

Ich wurde gleich noch einmal überrascht, denn Ehran ließ es sich nicht nehmen, kämpfend Richtung Surehand zu tänzeln. Er rief: „Na, Lugh, wie wäre es, möchtest du nicht mitmachen?“

Harlequin fügte hinzu: „Oder fühlst du dich dem nicht gewachsen?“

„Offenbar nicht!“, stichelte Ehran, nachdem er sein Rapier kurz in die Luft geworfen, verkehrt herum aufgefangen und es Lugh mit dem Heft voraus hingehalten hatte.

Wow, mein Mentor hatte es echt drauf. Ein Rapier in die Luft zu werfen und es an der Klinge zu fangen, ohne sich zu schneiden, war gar nicht mal so einfach.

Natürlich hatte Lugh lachend abgewunken. 

Ich war mir nicht ganz sicher, aber vielleicht hatte ich kurz zuvor ein wenig Zorn in den Augen des Ex-Prinzen aufblitzen sehen. 

Harlequin, Ehran und Tango machte der Schaukampf jedenfalls jede Menge Spaß, das war ihnen anzumerken. 

Harlequins Blick fiel für alle erkennbar auf mich. ‚Geblendet von meiner Schönheit‘ - das war natürlich nur gespielt - wäre er fast von Ehran getroffen worden. Ein Raunen ging durch die Zuschauer, als Ehrans Klinge dicht am Ohr des ‚Narren‘ vorbei wischte. 

Harlequin lachte und warf der wirklich völlig überraschten Fierce sein Rapier zu. „Hier, übernimm mal kurz!“ Noch im Flug verwandelte sich die Klinge und das Rapier wurde zu einem Schwert.

Fierce zögerte nicht lange - praktischerweise war das Cara-Fahd-Outfit so geschnitten, dass sie darin volle Bewegungsfreiheit hatte - und stieg in den Kampf mit ein. Ich wusste, dass die Orkin sowohl Ehran als auch Tango hoffnungslos an Kampfkunst unterlegen war, aber sie konnte mit einem Schwert umgehen und die zwei Fechtmeister bezogen sie so ein, dass der Klassenunterschied kaum zu bemerken war.

Harlequin schnappte sich unterdessen zwei frische Gläser Champagner von einem Tablett und kam damit zu mir. Er gab mir eines, und wir stießen an und tranken. Er beugte sich vor und flüsterte mir Nettigkeiten ins Ohr, die mich erröten und es in meinem Unterleib kribbeln ließen. 

Ich lachte leise und perlend und hauchte: „Vielleicht vertiefen wir das Thema ja nach dem Ball in meiner Suite.“ Ich raunte ihm die Nummer der Suite zu, wohlwissend, dass er sie bereits kannte.

Harlequin zwinkerte mir zu. „Es wäre mir eine Ehre.“

Dann trank er sein Glas in einem Zug leer und gab es der Person rechts neben mir in die Hand, ohne darauf zu achten, um wen es sich dabei handelte. 

Harlequin ging zurück zu den Kämpfenden. Fierce war leicht verschwitzt und froh, dass sie das Schwert wieder zurück an Harlequin geben konnte. Augenblicklich wurde es wieder zu einem Rapier. 

„Zurück zu dir, Schurke!“, witzelte Harlequin in Richtung Tango. Inzwischen war allen klar, dass sie hier die beste Kampfshow überhaupt zu sehen bekamen.

Ehran trat einen Schritt zurück und warf Harlequin nun auch sein Rapier zu. „Für mich ist an dieser Stelle Schluss.“ 

Der Saal applaudierte tosend. 

Harlequin stand da, mit zwei Rapieren in der Hand und scannte die Menge, als suche er gezielt nach jemanden. Wenn mich nicht alles täuschte, hatte sich seine Stimmung gerade geändert. 

Er fand, wen er gesucht hatte, und hielt tatsächlich direkt auf Tintagel zu. 

„Alexander Tintagel, was ist mit Euch?“, fragte er herausfordernd, und diesmal war nichts gespielt. 

Tintagel wurde eine Spur blass. Er war vollkommen überrascht worden und wusste nicht, was er antworten sollte.

„Kommt, kämpft mit mir. Ihr könnt doch mit dem Schwert umgehen, so heißt es. Es sei denn, Ihr wollte die Assassine des Hofs für euch antreten lassen?“, meinte er in diabolischem Tonfall und blickte in Richtung von Felicia McGuinness. 

Tintagel rang mit sich. Verständlicherweise hatte er keine Lust, sich brüskieren zu lassen. Allerdings erkannte ich auch Angst in seinem Gesicht, und die überwog.

Niall O’Connor warf amüsiert ein: „Dann müssten wir aber erst die Chancen ausgleichen.“ 

Harlequin lachte. „Natürlich! Ich lasse mir gern einen Arm auf den Rücken binden, Ihr dürft aussuchen, welchen. Wäre das besser?“ Dann hielt er Tintagel eines der Rapiere hin. „Hier, greift zu und zeigt was Ihr könnt. Oder holt ein eignes Schwert. Wo habt Ihr denn das schöne Schwert, dass Ihr von dem toten Bruder eurer Gespielin habt, den Ihr nicht beschützen konntet?“

Die Worte hatten gesessen. Das Gesicht des Elfen wurde rot vor Zorn. Die Röte kämpfte gegen die Blässe der Angst. 

McGuinness mischte sich ein: „Ihr seid ziemlich mutig für einen Mann, der zwei Waffen dabei hat!“ 

Fierce zog die Stirn in Falten und rief: „Häh, das ist jetzt aber ein blöder Einwand. Er ist doch bereit, eines abzugeben, der andere Typ muss es nur nehmen!“ 

„Na?“ Harlequin zwinkerte und pure Überlegenheit troff aus seinen Worten. „Wollt Ihr es nicht doch einmal versuchen? - Nein, nicht? Wollen wir lieber rausgehen?“ 

Die schlaue Angst, sein Leben zu verlieren, siegte für den Moment. Tintagel hatte zwar die Hände zu Fäusten geballt, sagte aber einigermaßen ruhig: „Das ist hier nicht der angemessene Rahmen dafür.“

Harlequin starrte Tintagel noch einen Augenblick an und meinte dann kalt: „Vielleicht können wir den für Euch angemessenen Rahmen schaffen?“ Er schien kurz zu überlegen. „Ah, jetzt weiß ich es.“ Dann drehte er sich um, wandte Tintagel den Rücken zu und rief: „Jetzt vielleicht?“

Für den Bruchteil einer Sekunde spielte ich mit dem Gedanken, Tintagel weiter zu reizen, damit er seine Selbstbeherrschung endgültig verlieren würde. Dann entschied ich mich dagegen. Harlequin sah wirklich erbost aus, und ein Toter auf dem ersten Jägerball wäre keinen schöne Schlagzeile. Das hoben wir uns doch besser für den nächsten Ball auf. 

Also beschloss ich, das Spiel zu beenden. Ich machte zwei Schritte auf Harlequin zu, streckte die Hand aus und sagte lächelnd in die angespannte Stille hinein: „Hör, sie spielen unser Lied, und du hattest mir doch einen Tanz versprochen.“

Sämtliche Aggressivität verschwand aus Harlequins Gesicht, seine Körperspannung löste sich. 

Die Wild Cards hatten klugerweise sogleich zu spielen begonnen und eine Ballade gewählt. 

Eine Drehung -  und wir tanzten  

Es gab tosenden Applaus. Bis auf wenige Ausnahmen hatten die meisten das alles für eine Teil des Unterhaltungsprogramms gehalten. Sie würden noch lange darüber sprechen.

Interessanterweise hatte ich Lugh Surehand zum Schluss nicht im Publikum ausmachen können. Vielleicht hatte er sich verkrümelt, weil er nicht selbst in die Stich-Linie hatte geraten wollen. Vielleicht war ihm Tintagel aber auch einfach nur egal.

So egal, wie mir jetzt alle anderen waren, denn ich tanzte mit dem Mann, den ich liebte. 

Nichts anderes zählte. Für mich gab es nur noch uns.

❄️❄️

[Song 13: Empire Cast - You’re So Beautiful3] CrimeTime hatte gerade seinen aktuellen Top-Hit zum besten gegeben. Dabei hatte er auch heute Nacht beim Rappen kein Blatt vor den Mund genommen. Das Harlequin auf Or’zet mitsingen konnte, wusste ich bereits. Rubber Duck mitsprechen zu sehen, hatte mich etwas überrascht. Er und Bloody Guts gingen total ab, so wie eigentlich der gesamte Saal, obwohl nur wenige mitsingen konnten.

Die so unterschiedlichen Bands hatten sich die gesamte Zeit über gegenseitig mit Höchstleistungen übertroffen und neue Arrangements, zu denen man auch mal klassische Tänze tanzen konnte, präsentiert. 

Champagner und andere Getränke waren in Strömen geflossen und inzwischen hatten wir so etwas wie den Status einer Privatparty unter Freunden erreicht. 

Alle fühlten sich wohl und machten mit. Ja, sicher nicht jeder war hier der Freund von jedem, aber das Publikum war gemischt genug, damit Zwistigkeiten nicht weiter auffielen. 

CrimeTime bat um Aufmerksamkeit. „Ich denk mal, wir alle danken Snowcat und den Howling Shadows für die geile Party!“, sagte er und die Leute klatschten zur Bestätigung. „Es ist fracking cool, heute zu den auserwählten Gästen zu gehören. Howling Shadows, kommt mal näher.“ Der Ork winkte uns zu sich und forderte: „Erstmal noch 'nen extra Applaus für die Chummer.“ 

Den wir dann auch dankbar entgegen nahmen. 

„Ihr habt uns alle mit eurer ersten Staffel in den Bann gezogen und oh Mann, was hab ich geschwitzt, als das viele toxische Gesocks am See war. Ladys, Gentlemen, ihr habt’s einfach drauf!“ 

Es gab noch mehr Applaus. 

CrimeTime kam nun von der Bühne und stellte sich zu mir. „Ich hatte das Glück, diese wunderschöne Frau schon vor einiger Zeit kennenlernen zu dürfen. Sie begeistert und inspiriert mich immer wieder.“ 

Ich hob innerlich eine Augenbraue. Nicht, dass ich mich nicht selbst inspirierend fand, aber so viel Kontakt hatte ich zu dem Rapper nun auch nicht gehabt. Selbstverständlich schmeichelte es mir. „Snowcat ist einzigartig, und darum hat sie auch etwas Einzigartiges verdient, oder, Orxanne?“

Ein weiteres Spotlight ging an und die berühmte Orxanne kam zu uns herüber. 

Sie grinste. „Genauso ist es. Darum gibt es heute eine einzigartige Performance.“ Sie sah mich an. „Dir zu Ehren!“ Dann zeigte sie die Howling Shadows entlang. „Und nur für euch!“ 

Musik erklang und CrimeTime begann zu singen.

Ich war beeindruckt, denn nicht nur CrimeTime sang. Das Ganze entpuppte sich als ein Duett zweier Solokünstler, das sie mir und meiner Schönheit gewidmet hatten. 

Und man muss doch zugeben, das ist schon ziemlich cool!

In dem leicht veränderten Text des CrimeTime-Songs wurden die Howling Shadows mehrmals erwähnt.

❄️

Einige Zeit später unterhielt ich mich mit Niall O’Connor. Der Elf, dem ich immer noch Dank für seine Hilfe nach meiner ersten Wandlung in einen Drake schuldete, besaß eine machtvolle, aber irgendwie auch eigentümliche Ausstrahlung. Er betrachtete mich einen Moment lang genau und meinte dann: „Ein solches Kleid könntest du auch am Hof der Ars Sídhe Banrìgh, …“

Was nichts anderes als der hochtrabende Name für die ‚Elfenkönigin’ ist. 

„ … Lady Brane Deigh tragen.“ 

Ich sah an mir herab. „Tatsächlich? Ist es nicht zu opulent?“

O’Connor nahm einen ersten Gesichtsausdruck an. „Nein. Das sagte ich ja. Solltest du eine Einladung erhalten, kannst du dieses Kleid tragen. Natürlich darf man am Seelie Court nicht zweimal dasselbe tragen, aber das hier und das dort sind zwei völlig verschiedene Bereiche, also könntest du es dort tragen.“

„Gut zu wissen. Dass man das selbe Kleid nicht zweimal tragen kann, gilt hier auch.“

„Das weiß ich. Nur, weil ich vom Seelie Court stamme, bedeutete das nicht, dass ich diese Welt nicht kenne.“

„Ich wollte nichts anderes damit andeuten. Ich werde mir das Kleid vormerken, sollte ich jemals an den Hof geladen werden. Wovon ich eigentlich nicht ausgehe…“ Die Aussage war nicht ganz korrekt. Ich ging im Moment nicht davon aus. Genau genommen war der Hof der Ort, den ich eines Tag regieren wollte. Etwas, was ich natürlich niemals sagen würde. „ … Ich bin ja schon überrascht, dass der Seelie-Hof einen offiziellen Abgesandten geschickt hat. Und dann dazu noch einen, über den ich mich ausgesprochen freue. Ich weiß nicht, womit wir diese Auszeichnung verdient haben?“ 

O’Connor sah mir einen Moment länger in die Augen. „Das ist ein Jägerball, da kann der Hof gar nicht widerstehen.“

Ich neigte leicht den Kopf. „Ah, der Name war ausschlaggebend. Nun, für eine Einladung an den elfischen Hof bin ich wahrscheinlich nicht elfisch genug.“

„Sídhe- oder Seelie-Hof, nicht elfisch“, korrigierte mich Niall.

Ich lachte innerlich, immer diese Genauigkeit. Es stimmte natürlich, der Seelie Court, ein von der physischen Ebene entrückter mystischer Ort, ist das spirituelle Zentrum von Tír na nÓg. Der Hof wird von Lady Brane Deigh als sogenannte Rian regiert. Aber es hieß, sie täte das in der Tradition der Elfenköniginnen vergangener Zeitalter. Mit der Regentschaft des Seelie Court ging ein gewisser Führungsanspruch für alle Elfen einher, was natürlich nur die wenigsten Elfen so sahen. Die Elfen in Tír na nÓg würden dem zustimmen und vielleicht noch die in Pomorya, die meisten anderen hatten davon wahrscheinlich nicht einmal gehört. Bevor man also von einer ‚Elfenkönigin‘ sprach, müsste der Hof meiner Meinung nach schon deutlich populärer werden. Aber daran konnte man ja arbeiten. In jedem Fall sieht sich der Seelie Court als Autorität für alle spirituellen Belange des Tírs und seiner Einwohner und spielt auch eine wichtige Rolle innerhalb der Religion der Pfade des Rades. Oder so wollen sie es zumindest. Ich zum Beispiel folge auch der Tradition der Pfade, und für mich ist Lady Brane Deigh keine Autorität, die ich erst um Rat frage. Doch das steht auf einem anderen Blatt Papier - und ich würde sowieso niemandem von meinem Pfad erzählen. Das ist mehr so eine Sache zwischen Ehran und mir und in abgeschwächter Form Harlequin. 

„Und es sind auch nicht nur Elfen an diesem Hof“, erklärte O’Connor.

Womit er natürlich auch Recht hatte. Neben hochrangigen Elfen gehören dem Hof viele Faeries an, wie zum Beispiel Pixies, die es auch auf der physischen Ebene gibt. Man hört dort leben auch Brownies, Sylphen, Kappas und Kobolde. Meine Vorstellung von Geistern stammt auch aus dem Portfolio von Faeries. Für mich ist Lady Brane Deigh jedoch eine Elfe, und bis auf ihre mystische Ausstrahlung wüsste ich nicht, was sie zu einer Sídhe machen sollte. Was heißt, ich kenne den Unterschied nicht. Ich wusste ja nicht einmal, ob O’Connor meinte, dass Lady Brane Deigh eine Sídhe oder eine Elfe sei.

Doch wie auch immer, ich bin eben nicht nur ein Elf, ich bin ein Drake und ich glaube, das ist für den Hof viel zu wenig Feenwesen und viel zu viel Drache. 

„Ja, der Seelie Court“, sagte Niall unterdessen, „wo jedes Lächeln eine Kampfansage, jeder Drink potenziell vergiftet und jedes Kompliment eine Herausforderung ist.“ Er machte eine gedankenverlorene Pause und sah mich dann erneut an. „Es wäre nett, wenn du kommen würdest.“ 

Ich lachte sanft und perlend. „Na, ich weiß nicht, ob ich mich jetzt freuen soll, wenn du es nett fändest, wenn ich am Seelie Court eingeladen werde. Nett klingt der Ort, den du beschreibst, jedenfalls nicht.“

Er lächelte. „Du würdest dich dort sicher gut machen. Und für mich wäre es mal wieder eine angenehme Gelegenheit.“

Das hatte nach einem Kompliment geklungen, auch, wenn es immer noch so schien, als würde man nicht einmal seinem Feind wünschen, dort eingeladen zu sein. Ich meinte im weiterhin sanften Ton: „Kann ich dich um Ratschläge ersuchen, wenn ich tatsächlich mal eingeladen werden sollte?“

Er lächelte. „Sehr gern!“

❄️

Ich nahm ein Glas Champagner. 

Bis zu meinem nächsten reservierten Tanz war noch ein Augenblick Zeit, darum beschloss ich, mir das Treiben in Docs Casino anzusehen. Shark Finn begleitete mich. Er kannte mich gut genug, um zu erkennen, dass ich kurz verschnaufen wollte. Er verschaffte mir den Augenblick - und ging voraus. 

‹Haben dich die Worte des Abgesandten zum Nachdenken gebracht, Drachenkätzchen?›

‹Ja, und die Tatsache, dass es wohl keine so gute Idee gewesen ist, Tintagel und Surehand einzuladen, Katze. Liam ist sauer, Harlequin war erbost.› 

‹Dein Liebster wirkte nicht erbost, als er mit dir getanzt hat, Drachenkätzchen. Er schien mir eher beschwingt und glücklich, dich halten zu dürfen. Doch du hast Recht, Liam war sauer. Und dein Mentor Ehran hat sicher auch kein Verständnis dafür, dass du Surehand eingeladen hast. Vielleicht solltest du sie in deine Pläne einweihen, Drachenkätzchen?›

‹Elfenkönigin zu werden, meinst du? Auf keinen Fall! Und nach dem, was ich von Niall O’Connor gehört habe, sind das eh nur kleine Mädchenträume, die ich mir aus dem Kopf schlagen sollte.›

‹Nun, Drachenkätzchen, es ist dennoch nichts, was du nicht erreichen kannst. Du weißt doch noch, was viele Jahre lang dein kleiner Mädchentraum gewesen ist?› 

‹Regelmäßig etwas zu essen zu haben, Katze?› 

‹Nein, Drachenkätzchen, das meine ich nicht. Das hast du ersehnt. Geträumt hast du von einem eigenen Kleiderschrank und einer Auswahl an Kleidung und sieh, was du erreicht hast! Wie groß dein Schrank inzwischen ist und was für ein Kleid du trägst! ›

‹Stimmt, Katze. Also kein Kleinmädchentraum, und dennoch möchte ich mich nicht auf einem Thron am Seeie Court behaupten müssen. Ich möchte etwas ändern, bewirken, die Metamenschen inspirieren. Liam nach Tír na nÔg zurückkehren zu lassen, soll erst der Anfang sein. Doch der Seelie Court scheint kein Ort zu sein, von dem aus das alles möglich ist, Katze.›

‹Verstehe, Drachenkätzchen. Lady Brane Deigh zu vertreiben, scheint mir auch nichts, was du tun möchtest. Dennoch ist das Bild von dir als Regentin nichts, was du einfach wegschieben solltest.›

‹Das könnte ich auch nicht, Katze. Es poppt von selbst immer wieder hoch.› 

‹Erstmal reicht es ja auch, wenn die Wesen lernen, dich zu bewundern, dich anzubeten und dich zu lieben, Drachenkätzchen. Das mit der Königin bekommen wir später, wenn du es denn magst.›

Ich lachte leise. ‹Na, ich werde Tintagel jedenfalls nicht mehr einladen Katze. Er hat diese Felicia mitgebracht. Und die wollte ich nicht hier haben.› 

‹Vielleicht wollte er sie gar nicht mitbringen. Doch er weiß ja, dass er nie eine Chance bei dir hat. Ich kann sie übrigens auch nicht leiden, Drachenkätzchen.›

❄️

[Song 14: Ruelle - Secrets and Lies3] Ich zog skeptisch die Augenbrauen zusammen, als ich in den Ballsaal zurückkehrte und bemerkte, wie Felicia, die zuvor bereits mit Fang und Rubber Duck getanzt hatte, nun mit AveRage die Tanzfläche verließ und in Richtung der Tiefen des Hotel verschwand. 

Ich würde das im Auge behalten. 

❄️

Arete, Thorn, Bull, Fianchetto und Frosty kamen geschlossen und lächelnd zu mir. Sie holten mich sozusagen ab und deuteten auf eine schicke Sitzgruppe, in der zufällig genau die passende Menge an Sesseln für uns bereitstand. Wir setzen uns zum elitären JackPointer-Kreis zusammen.

„Ich gratuliere dir zu dieser ausgesprochenen gelungenen Party", lobte Fianchetto. 

Bull nickte. „Ja, gar nicht schlecht für so einen High-Society-Ball. Ich hatte schon Angst, das wird zu spießig. - Und, wie viele White-Noise-Generatoren laufen gerade?“

„Vier!“, erwiderte Arete. 

„Astral ist auch nichts los!“, stellte Frosty fest.

Katze, die es sich auf meinem Schoß gemütlich gemacht hatte, öffnete skeptisch ein Auge. ‹Paranoid schreiben sie schon mal groß, Drachenkätzchen.› 

„Eine außergewöhnliche Mischung an Gästen hast du zusammengestellt“, meinte Arete und warf einen Blick in Richtung Tintagel, der sich gerade mit Lugh Surehand und zwei Mitgliedern der Grand Tour unterhielt.

„Ich mag besonders die Musik“, erklärte ich lächelnd. „Und die Gästeliste habe ich nicht allein zusammengestellt. Ein Teil kommt von mir, der andere von Johnny Spinrad.“

„Die Tír-na-nÔg-Fraktion ist ungewöhnlich stark vertreten!“, stellte Fianchetto fest.  

Frosty grinste mich an. „Weißt du, Snowcat, eigentlich ist Thorn dafür verantwortlich, dass Felicia da ist, wo sie jetzt ist!“ 

Ich sah zu dem attraktiven Elfen mit der kühlen Ausstrahlung. Ich war das Küken in dieser Runde, da konnte ich auch Fragen stellen. „Du hast also mal ihren Vorgänger getroffen?“ Jedem am Tisch war klar, dass ich mit ‚getroffen‘ mit einer Kugel getroffen meinte.

Thorn grinste diabolisch. „Drei von ihnen.“Ein wenig Stolz klang in seiner Stimme mit. Dann fügte er gelassen hinzu: „So heißt es.“ 

Ich lächelte verführerisch. „Interessant, so gut bist du also! Erzähl mir doch etwas über dich! Von unserer Runde hier kenne ich dich bisher noch nicht.“ Ein leichtes Schnurren lag in meiner Stimme. Ich legte den Kopf ein wenig schief, streckte den Hals und fächerte mir Luft zu. Da ich Thorn anblickte und die Luft so in dessen Richtung sandte, fächerte ich ihm quasi meinen Duft zu. 

Ihm war nicht anzumerken, ob ihm das gefiel.

‹Drachenkätzchen, sei nicht albern, natürlich gefällt ihm das.›

Zumindest sein Lächeln hatte sich verändert. „Dafür habe ich schon so viel von dir gehört, es ist, als würde ich dich kennen.“ 

Ich lachte perlend und warf dabei meinen Kopf ein wenig nach hinten. „Glaub mir, nur von mir gehört zu haben ist nicht dasselbe, wie mich zu kennen.“ Natürlich war mir klar, was Thorn mit seiner Aussage hatte andeuten wollen. Doch das störte mich nicht.

„Stimmt, das Gehörte wird dir nicht gerecht“, gab Thorn zu. 

Bull verdrehte die Augen. 

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Average leicht derangiert, grinsend und mit breitbeinigem Schritt in den Tanzsaal zurückkehrte. Felicia folgte ihm einen Moment später. Sie sah völlig entspannt aus. Ich ließ meinen Blick bewusst eine Zeit auf ihr ruhen und wandte mich erst nach einer kurzen Pause wieder direkt Thorn zu. „Also melde ich mich bei dir, wenn ich mal Probleme mit jemandem wie ihr habe?“ 

Thorn überlegte kurz. „Hmm, das waren noch andere Zeiten. Da bin ich noch einem anderen Pfad gefolgt.“

Wie nett, nun hatte er meine Frage von zuvor doch noch beantwortet und etwas Persönliches von sich preis gegeben. Thorn wandelte auf den Pfaden des Rades. Die meisten der in der Runde Anwesenden sprachen nämlich kein einziges Wort unbedacht aus. Also hatte Thorn mir das mit dem Pfaden sagen wollen. Ich lächelte sanft. „Na gut, dann greife ich doch auf Spezialisten innerhalb meines Teams zurück.“ 

Auch der Ton von Thorn wurde nun etwas weicher. „Hmm, aber doch, melde dich ruhig mal!“ 

Bull schüttelte den Kopf und meinte dann: „Hört doch mal auf damit! Stimmt es, dass es in der aktuellen zweiten Staffel nach Chicago geht?“

Ich nickte. „Ja, das darf ich bestätigen.“

„Dann erzähl was davon. Wie ist es da derzeit?“

„Windig, kalt - ungeheuer kalt sogar.“ Ich sah Bull an. Es hieß, er käme ursprünglich aus Chicago und wäre erst nach der Ankunft der Bugs von dort entkommen. Sein Interesse an Chicago war also privater Natur. „Aber ernsthaft, die Lage im Kern hat sich in den letzten Jahren deutlich gebessert, soweit ich das beurteilen kann. Es befindet sich viel im Umbruch und natürlich ist es dort noch längst nicht wieder ‚normal‘. Wingman von Spire kann dir diesbezüglich sicher gerne Fragen beantworten. Unsere zweite Staffel anzusehen, verrät dir sicher auch so einiges. Wenn ich heute Abend spoilern wollte, würde ich stolz sagen, dass wir die Stadt von einem legendären Monster befreit haben. Welches das ist, guckt ihr besser selbst.“ Ich dachte einem Moment nach. „Und weil ich gut gelaunt bin, packe ich ein Geheimnis, welches wir nebenbei entdeckt haben, obendrauf. Eines, dass dem JackPoint würdig ist und das wir nicht in der Serie verraten. Horizon unterhält im Core eine Deltaklinik.“

Fianchetto hob eine seiner Augenbrauen und sah selbst dabei distinguiert aus. „Interessant, kennst du den genauen Ort?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich kenne nur eine kleine Klinik, die sie als Aufwachraum nutzen. Aber wir haben …“, und mit 'wir' meinte ich mich und Doc, „den möglichen Standort auf drei Punkte reduziert. Ich schreibe dazu später noch was ins Netzwerk und auch, was wir in dem Zusammenhang über ein Cyberdeck erfahren haben.“

Frosty lächelte freundlich. „Na, meine Herren, dann sollten wir jetzt alle Snowcats Gastfreundschaft erwidern und jeder auch ein interessantes Geheimnis ans Licht bringen.“

Was sie zu meiner Freude dann auch tatsächlich taten. Allein dafür hätte der Abend sich gelohnt.

❄️

Als ich später bei einem Tanz mit Thorn, der wenn auch kein überragender, doch zumindest ein geübter Tänzer war, auf der Fläche meine Kreise zog, kamen wir relativ nah an Rubber Duck und Harlequin vorbei, die sich offenbar angeregt unterhielten oder unterhalten hatten. Liam stand bei ihnen. Der letzte Fetzen dieses Gespräches klang bis zu meinem feinen Gehör durch.

„ … bei deiner Strategie nicht helfen. Aber man sollte unbedingt fechten können, um den Versuch zu überleben. Und ich meine Duelle bis zum Tod und nicht solchen Pipifax wie bis zum ersten Blut“, sprach Harlequin, machte böse grinsend auf dem Absatz kehrt und zog davon.

„Meint er das ernst?“, fragte Rubber Duck Liam.

Liam lachte dreckig. „Ja, sogar todernst!“

Schade, dass wir nicht früher dort vorbeigetanzt waren. Ich hätte gerne mehr von dem Gespräch gewusst.

❄️

Ar Cánan war wirklich unglaublich. Ihre Musik war eher im Bereich keltische Folklore angesiedelt. Teilweise spielten die kleinen, zierlichen, geflügelten Wesen zu mehreren auf einem normalgroßen Instrument und zum Teil einzeln auf winzigen Ausgaben davon. Doch wie groß die Instrumente auch waren, es klang virtuos, gewaltig und einfach perfekt. Ihre Stimmen verstärkten sie mit Magie und so klangen sie nur dann piepsig, wenn sie es wegen des Songs beabsichtigten. Nach einem Teil ihres Konzerts fragten sie mich, ob ich ihnen die Ehre erweisen würde, mit ihnen zu musizieren, da sie gehört hatten, dass ich das konnte.

Tiernan war offenbar auf die Frage vorbereitet, denn er kam mit meinem Cello auf mich zu. 

Da konnte ich gar nicht anders, als ja zu sagen.

Ich war übrigens wirklich gut. Doch ich gebe gerne zu, dass sie keine sonderlich schwer zu spielenden Songs für mich ausgesucht hatten und wir bekannten Irish Folk rockten.

Das Publikum war jedenfalls begeistert.  

Es wurde sogar getanzt. 

Mr. Tea nutze die Gelegenheit, Felicia McGuinness unauffällig abzuschleppen. Jedenfalls sah es so aus, als würde er sie mitnehmen. Meine Intuition sagte mir, dass sie die Initiative ergriffen hatte. Felicia, nacheinander allein mit mindestens zwei meiner Howling Shadows? Das gefiel mir gar nicht!

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im Anschluss an das Ar-Cánan-Konzert schickte ich Mash eine Tanzanfrage. Nach ein wenig Smalltalk, fächerte ich mir Luft zu und kam auf das eigentlich Thema: „Hast du eine Möglichkeit, schnell und unauffällig herauszufinden, ob jemand einem Gift ausgesetzt gewesen ist?“

Mash zog die Stirn in Falten. „Das kommt natürlich auf das Gift an. Aber grundsätzlich ja.“

„Was brauchst du dazu? Eine Blutprobe?“

Mash lachte. „Ich liebe Blutproben. Aber auch da kommt es auf das Gift an. Du siehst ernst aus. Sag mir doch einfach, worum es geht.“

„Es geht mehr so um eine Ahnung. Ich möchte wissen, ob Mr. Tea oder Average heute Nacht, so innerhalb der letzten zwei Stunden, eine Droge oder ein Gift verabreicht worden ist. Am liebsten wäre es mir, wenn nicht einmal sie wissen, dass sie darauf getestet wurden.“

Mash nickte. „Verstehe. - Ich wäre entzückt, wenn du mir in Kürze einen weiteren Tanz gewährst.“

„Aber sehr gern. Schicke mir doch einfach eine Tanzanfrage, wenn du Zeit hast.“

❄️

Es war, wie ich befürchtet hatte. Das Biest hatte sowohl AveRage als auch Mr. Tea einer geringen Dosis Laés ausgesetzt. Ich war fest davon überzeugt, dass sie die beiden ausgefragt und die Befragung dann vergessen lassen hatte. Je nach der Vorliebe von McGuinness war es dann tatsächlich noch zu einem sexuellen Akt gekommen oder auch nicht. Doch das war nicht von Belang. Ich konnte und wollte sie weder damit durch- noch mit Geheimnissen entkommen lassen.

Also war es Zeit für ein Pläuschchen mit Liam. 

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Liams Blick wurde kalt, als ich ihn ins Bild setzte. „Und was möchtest du nun tun?“, fragte er. 

Die Kälte in seinen Augen galt Felicia und ich wusste, dass ein Teil von ihm hoffte, ich würde sie tot sehen wollen. Doch auch ihm zuliebe wollte ich das nicht. „Ich denke, wir verabreichen ihr eine ausgewachsene Portion ihres eigenen Gifts. Praktischerweise habe ich immer ausreichend Laés dabei. Allerdings muss sie es noch heute Nacht bekommen, damit sie wirklich alles Nötige vergisst. Und ich weiß nicht, ob sie so etwas wie einen Blutfilter hat, was die Sache erschweren würde. Abgesehen davon teilt sie sich eine Suite mit Tintagel.“

„Das sind alles keine Hindernisse“, erklärte Liam.

„Es geht mir nicht darum, zu verbergen, dass sie Laés bekommen hat. Das merkt sie wahrscheinlich so oder so. Es darf nur nicht scheitern.“

Liam nickte. „Alles klar, Cousine. Ich kümmere mich darum.“

Damit war die Sache für mich erledigt.

❄️

Als die Gäste weniger und die Tanzbeine müder wurden, bekam ich noch ausreichend Gelegenheit, mit Frosty niveauvoll zu lästern. Das hatten wir schon viel zu lange nicht mehr gemacht. 

Während des Showkampfes hatte ich Harlequin die Nummer meiner Suite zugeflüstert und ihm verständlich gemacht, dass ich mich über einen Besuch von ihm freuen würde. Selbstverständlich kannte er meine Suite bereits, aber darum ging es nicht. Es ging darum, zu spielen. 

So erwartete ich, dass er später nicht einfach seine Schlüsselkarte nutzen und durch die Vordertür hereinkommen würde. 

Harlequin enttäuschte mich nicht. Das tat er nie. Er kam mit Rosen und Champagner über den Balkon.

Kurz gesagt, der erste Jägerball war auf ganzer Linie ein voller Erfolg!

❄️❄️

[Song 15: Valerie Broussard - A Little Wicked3] Einige Tage später unterhielt ich mich in Ruhe mit Liam. Wir saßen in seiner Werkstatt beisammen, tranken Whisky und werkelten an einem Stück Equipment für mich. Genau genommen werkelte er und wir tranken. Katze saß auf der Werkbank und beobachtete jeden seiner Handgriffe neugierig.

„Ich kann keinen Einfluss auf sie gewinnen, wenn du mich vor ihnen abschirmst“, meinte ich irgendwann.

Liam sah mich an. „Du meinst Surehand und Tintagel?“ 

Ich nickte.

Liam legte sein Werkzeug lautstark beiseite. „Hör doch einfach auf, nett zu denen zu sein. Surehand wollte dich entführen! Und Tintagel gibt dich bei Surehand ab, ohne zu zögern.“ 

Ich lächelte leicht. „Ich glaube schon, dass er zögern würde.“

„Nein!“ 

Katzes Schwanz wedelte hin und her. ‹Ich mag ihn, Drachenkätzchen. Er ist immer so schön von sich und seiner Meinung überzeugt.› 

„Und was willst du überhaupt von Surehand?“, blaffte Liam. „Der hat keine Macht mehr. Der ist ein angeschlagenes, krankes Tier. Mann! Der hat versucht, dich zu entführen. Vielleicht für sich selbst, aber wenn er neue Macht gewinnen kann, wenn er dich verkauft, dann macht er das. Zum Beispiel an einen Drachen.“ Liams Augen funkelten wütend. „Und du bist nett zu dem, als wenn nichts gewesen wäre. Oder willst du ihn damit quälen?“

‹Sag einfach ja, Drachenkätzchen›, riet Katze.

„Quälen? Wenn er mich nicht für sich will, würde ihn das wohl kaum quälen. Ich will ihn verwirren.“ Also vielleicht wollte ich das? Genau genommen hatte ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Eigentlich war ich sehr wohl davon ausgegangen, dass Lugh Surehand noch jede Menge Macht besaß, aber wenn Liam das anders sah, war dem eventuell nicht so. Liam kannte sich gut aus. „Vielleicht lernt er daraus, dass er sich bei mir nicht sicher sein kann, woran er ist?“, fügte ich erklärend hinzu. 

„Vielleicht lernt er daraus aber auch nur, dass er einen zweiten Versuch riskieren kann.“ Liam griff nach einem Werkzeug, nur um es gleich darauf wieder auf den Tisch zu knallen. „Dann bist du aber Schuld, wenn wir kommen müssen, um ihn zu sagen, dass er damit falsch liegt!“ 

Der Schwanz von Katze peitschte erneut hin und her und wirbelte dabei sogar Späne auf. ‹Oh, oh, Drachenkätzchen. Jetzt ist das Männchen sauer. Dabei hat er hat doch schon gefragt, ob du Surehand nicht einfach quälen willst. Warum hörst du nicht auf mich und sagst ja?›

‹Weil es das nicht ist, Katze. Eigentlich will ihn einlullen, in Sicherheit wiegen, denken lassen, dass ich ihm das nicht krumm genommen habe. Ihn sogar glauben lassen, dass alles gut ist und dann, wenn ich als seine Königin vor ihm stehe, will ich sagen, wir haben da noch eine alte Rechnung offen und darum verlierst du jetzt den Kopf!›

Katze schnurrte. ‹Ich weiß, du hast dir sein blasses Gesicht schon so oft vorgestellt. Ich bin ziemlich sicher, der Gedanke könnte Liam gefallen, wenn Surehand in diesem Szenario denn wirklich seinen Kopf verlieren würde. Aber er verliert dann nicht seinen Kopf, richtig, Drachenkätzchen?› 

‹Nein, das tut er nicht. Ich bin ihm dafür ja nicht einmal wirklich böse. Obwohl ich nicht weiß, warum ich ihm nicht böse bin, Katze. Denn ich sollte es sein.› 

‹Wie gut, dass du mich hast, denn ich weiß warum, Drachenkätzchen! Einem Teil von dir schmeichelt es sogar, dass er dich entführen wollte. Außerdem bedeutet der Versuch jede Menge Beachtung.› 

Ich überlegte kurz. ‹Ja, man kann es durchaus als Kompliment sehen, Katze.› 

‹Wenn jemand einen Entführungsversuch als Kompliment sehen kann, dann du, Drachenkätzchen. Alles ist besser, als nicht beachtet und für unwichtig gehalten zu werden.›

Ich seufzte. ‹Ja. Doch das ist etwas, was wir niemandem verraten, Katze. Auch nicht Liam! Außerdem bin ich ja diesbezüglich nicht frei von Argwohn. Genau genommen will ich auch die Macht dazu, Surehand oder sonst jemandem den Kopf abschlagen lassen zu können, wenn ich wollte. Und jeder, auch Surehand, soll wissen, dass er viel mehr hätte erreichen können, wäre er um meine Freundschaft bemüht gewesen.› 

‹Sich an jemandes Schrecken über die Ansage des Kopf-Abschlagen zu erfreuen, ist sicherlich ein guter Anfang für das Gebaren am Seelie Court, Drachenkätzchen. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob du für diese Position wirklich schon bereit bist. Oder je bereit sein wirst. Es ist dort doch sehr grausam. Vielleicht können wir auch einfach einen Posten als Königin in der physischen Welt für dich finden. Einen, an dem sich eine Drachenkatze richtig wohl fühlt.› 

‹Vielleicht können wir das, auch, wenn es mit der Macht des Köpfe-Abschlagens dann schwierig werden könnte, Katze. ›

‹Köpfe abschlagen zu lassen steht dir auch nicht, Drachenkätzchen. Vielleicht beschränkst du dich dann einfach darauf, Köpfe zu verdrehen. ›

Doch wie auch immer, eines hatte ich bei all dem nicht bedacht. Ich brachte andere in Gefahr, wenn ich ohne Netz und doppelten Boden, ohne Absicherung, spielte. Sicher, töten würde mich so schnell keiner. Es gab besseres, was man mit mir anfangen konnte. Doch niemand würde Rücksicht auf die Leben derer nehmen, die mich begleiteten oder mich befreiten. Zudem würden meine Leute Gewalt ausüben müssen, die ohne mein Spiel nicht nötig gewesen wäre.

Liam, Finn, Tiernan und so einige andere würden kommen, mich zu retten, egal, ob ich leichtfertig gehandelt hatte oder nicht. 

Also sah ich Liam ruhig und voller Liebe an. Mit jedem Moment, der dabei verging, wich der Zorn aus seinem Gesicht. Als ich dann sagte „Du hast Recht, Liam. Ich werde ab jetzt weder nett zu Surehand sein noch ihn oder Tintagel irgendwohin einladen!“, war da auch von seiner Seite aus nur noch Liebe für mich zu erkennen.

„Gut“, meinte Liam und nahm seine Arbeit wieder auf.

❄️❄️

Pip und Pop, so hatten wir die beiden Nerze getauft, lebten sich wie erwartet gut bei Jake ein. Die Diamantarmbänder passten hervorragend in meinen kleinen Hort14 und sehen auch ganz wundervoll an meinen Handgelenken aus. 

An manchen Tagen befindet sich ein echtes Taschentuch in meiner Handtasche, das ein Geschenk von einem Großen Drachen ist - und wer kann schon von sich behaupten, ein Geschenk von einem Drachen in seiner Handtasche zu haben? 

Doch der Jägerball zog weitere Kreise nach sich.

CrimeTime und Orxanne hatten der Chance nicht widerstehen können. Sie veröffentlichen ihr Duett zwei Tage nach dem Ball als ‚Ode an Snowcat‘. 

Zusammen mit der Tatsache, dass die zweite Staffel Snowcat and the Howling Shadows extrem erfolgreich angelaufen war, war mein Name für eine Zeit lang in aller Munde.

Nachdem Gary Cline mit seiner Aktion, mich als Freund zu markieren, mein C-Rating auf 1 gehoben hatte und sowohl die Quints als auch Cline und einige andere Berühmtheiten Bilder mit mir und Lobeshymnen über mich gepostet hatten, stieg mein S-Rating unaufhörlich. Schon bald hatte ich Follower in zweistelliger Millionenhöhe. 

Da Moxi die Pflege meiner sozialen Netzwerke übernommen hatte und regelmäßig Bilder, Trideos, meine Kommentare oder von mir verfasste Rezensionen veröffentlichte, hatten meine Subscriber sogar etwas davon, dass sie mir folgten. 

Meine Beliebtheit sorgte dafür, dass ich bei kommenden Fashionshows, Ausstellungseröffnungen, Clubevents oder Partys nicht nach Karten fragen musste, sondern tonnenweise Einladungen erhielt. In jedem Restaurant bekam ich fortan den besten Tisch und in jedem Hotel von ganz allein das beste Zimmer.

Während der nächsten Vashion Island Fashion Week im Mai kämpfte man förmlich darum, dass ich erschien und setzte mich jedes Mal in die erste Reihe. Ich wurde mit Beigaben und Gratis-Designer-Klamotten beschenkt, nur wegen der Hoffnung, ich könnte eines der Dinge irgendwann öffentlich tragen, darin gesehen werden, ein Bild damit posten oder gar etwas in der nächsten Staffel nutzen. 

Ob ich Angst habe, dass mir der Ruhm und die Tatsache, in der Öffentlichkeit erkannt zu werden, irgendwann zu viel werden?

Selbstverständlich nicht! Sollte ich unerkannt bleiben wollen, ändere ich einfach so viel von meinem Aussehen, wie dafür nötig ist.

Immerhin bin ich nicht nur charmant, sondern auch magisch.

Ich bin Snowcat:

Fashion Victim,

Künstler,

Barde,

Illusionist,

Unangefochtene Prinzessin des Jägerballs,

Anführerin …

‹Königin, Drachenkätzchen. Du bist mehr eine Königin, denn eine Prinzessin.›

‹Braucht man nicht ein eigenes Land und ein Gefolge, um Königin zu sein, Katze?›

‹Ein Gefolge hast du, und das mit dem eigenen Land ist nicht so wichtig. Prinzessinnen stehen nach einem Fall auf und richten ihr Krönchen, Königinnen ziehen ihr Schwert und kämpfen13. Du bist definitiv der zweite Typ.›

Also gut, überzeugt.

Ich bin Snowcat:

Fashion Victim,

Künstler, 

Barde,

Illusionist,

Unangefochtene Königin des Jägerballs,

Anführerin der Howling Shadows und

Bezwingerin von magischen Gefahren!

‹Sehr gut, Drachenkätzchen, aber ein paar Krönchen brauchst du trotzdem noch!›

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Wir freuen uns, dass du uns während dieser Geschichte begleitest hast, danken dir für’s Lesen und verbleiben bis zum nächsten Mal:

Snowcat and the Howling Shadows

An dieser Stelle bedanken sich die Spieler unserer Runde bei allen, die an der Entwicklung und Verarbeitung der Shadowrun®-Produkte mitgewirkt haben. Ohne ihre Arbeit wäre unser Spiel nicht möglich! 

We would like to thank the authors, artists and all others who are involved in the development of the Shadowrun® rules, adventures and stories. Without them, our game would not be possible.

Vielen Dank auch an @Vin für das Korrekturlesen. ;*

*reckundstrekgenüsslich* Hoffe Ihr habt Spass; *knutschi*